Da hat mich heute Nacht doch glatt eine E-Mail erreicht, warum ich gestern nichts zum Weltfrauentag gebloggt habe.

Nun, ich kann durchaus nachvollziehen, dass der ein oder anderen Person sehr viel an diesem Tag gelegen ist. Ich kann auch nachvollziehen, dass diesem Tag politisch, sozial- und gesellschaftskritisch ein hoher Grad an Aufmerksamkeit beigemessen wird. Und so lange es nach wie vor Ungleichheiten im Umgang mit Geschlechtern gibt, soll das auch bitte weiter passieren.

Nur ist es so, dass der Weltfrauentag für mich persönlich ziemlich die gleiche Gewichtung hat, wie der Welt Blowjob & Schnitzeltag oder der Welttag des Schneemanns (18.01. wen’s interessiert). Auf gut Deutsch gesagt: er könnte mir egaler nicht sein und deshalb sah ich auch keinen Anlass, darüber zu bloggen.

Vielleicht hatte ich bislang einfach nur Glück, dass ich bisher noch nie das Gefühl hatte, aufgrund meines Geschlechtes benachteiligt zu werden, vielleicht ist es aber auch der mir in die Wiege gelegten Physiognomie, dem Auftreten oder dem Fakt, dass ich zwischen Jungs aufgewachsen bin, geschuldet, dass ich mich in Männerkreisen recht gut behaupten kann, ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich selbst noch nie ein Problem diesbezüglich hatte und somit zu dem Thema herzlich wenig beitragen kann.

Die paar wenige Male, wo es mit viel Überdenken vielleicht eventuell ein Problem hätte werden können, hat es sich irgendwie rein instinktiv von allein erledigt.

Unsere abruzzischen Gipser z.B. haben an Tag 1 und 2 unserer Komplettsanierung noch nach dem „Chef des Hauses“ gefragt, bevor auch nur ein Arbeitsschritt getätigt wurde. An Tag 3 ist „Signora“ spontan die Hutschnur gerissen und sie hat mal kurz aber intensiv deutlich gemacht, wer vor Ort die Bauleitung inne hat und die Rechnungen zahlt. Schwupps hatte sich für die weiteren 4 Monate Bauzeit die Frage nach dem Mann des Hauses erledigt. Signora kann nämlich durchaus auf einer Baustelle voller Kerle für sich und die Familie sprechen und dafür sorgen, dass die Wünsche erfüllt werden, denn kurzum: keine zufriedene Bauherrin, keine Kohle. Basta. Spätestens da wird es auch dem abruzzischsten aller Gipser zu heikel.

Das gleiche Spielchen gab’s in abgewandelter Form mit dem Elektrikermeister und noch ein paar weiteren Gewerken, die austesten wollten, wie weit sie kommen. Nur fürs Protokoll: Es war nicht sehr weit.

Letztlich ist der Umgang mit Alltagschauvinismus für mich nichts anderes als der Umgang mit Kleinkindern. Es werden Grenzen ausgetestet. Frau hat die Wahl, es sich gefallen zu lassen, muss sich dann aber auch damit abfinden nicht sonderlich ernst genommen zu werden, oder sie wählt den Weg, es sich nicht gefallen zu lassen und verdeutlicht dem Gegenüber unmissverständlich, wo die Limits sind. Mancheiner lernt schneller, mancheiner langsamer, aber wenn Frau konsequent ist, hat sie sehr gute Chancen, dauerhaft aus der „schwaches Weibchen Nummer“ raus zu sein.

Bevor jetzt ein Aufschrei kommt, ich beziehe diese Aussage ausschließlich auf Alltagschauvinismus. Tätliche Übergriffe, Missbrauch und Gewalt sind selbstredend eine ganz andere Hausnummer, nicht dass mir jetzt jemand unterstellt, ich würde was verharmlosen wollen oder gar in die „selbst Schuld“-Kerbe hauen wollen. Solch ein Verhalten geht einfach nie, egal wie alt, egal welches Geschlecht, egal welcher Kulturkreis.

Relevanz vom Weltfrauentag hin oder her, Ich persönlich lege mehr wert darauf, dass in Schulen, Kindergärten, Erziehungseinrichtungen und zu Hause insgesamt aufgehört wird, den Mädels einzutrichternd, dass sie lieb, brav und hübsch zu sein haben, während jeglicher Testosteron-Quatsch mit „Jungs sind halt Jungs“ und einem Highfive abgetan wird.

Es spricht nichts dagegen, einem Kind ab und an mal zu sagen, dass es hübsch ist. Wenn die Söhne aber konsequent für ihre Leistungen gelobt und belohnt werden, die Töchter hingegen für ihre Locken, Augenbrauen oder niedliche Kleidchen, ist das in meinen Augen grotesk. Das eine ist nämlich ein Ansporn, innerlich zu wachsen, sich anzustrengen und sich zu entwickeln, und das andere sagt lediglich aus: mach dich hübsch und halt die Klappe.

Der wesentlich gesündere Weg wäre es, alle Kinder so zu behandeln, dass sie zu selbstbestimmten, sozialkompetenten, verantwortungsbewussten Menschen ranwachsen, denen es vielleicht irgendwann besser gelingt, die Widerwärtigkeiten der aktuellen erwachsenen Menschheit einzudämmen.

Das passiert aber sicherlich nicht, indem ein einziger von 365 Tagen durch die Medien getragen wird.

Gemessen am Rest der Welt ist das, was wir hier veranstalten nämlich in meinen Augen eine einzige Farce. 130 Millionen Mädchen weltweit haben nach wie vor keinen Zugang zu Schulen, zu medizinischer Versorgung noch viel weniger. Dass gerade wieder 100 Schülerinnen von Boko Haram entführt wurden, um sie entweder zu verkaufen oder als (Sex-)Sklavinnen zu halten, hat es nicht mal in der SZ über die Schlagzeile geschafft, dass sich die Drogerie Rossmann kurzfristig zu Ehren des Tages in Rossfrau umbenennt. Ja, man muss Prioritäten setzen, wenn es um Marketing und wirtschaftliche Interessen geht.

Bei der letzten Finanzierungsrunde der Globalen Bildungspartnerschaft (GPE) hielt sich Deutschland im direkten Vergleich der restlichen Geberländer auch mehr als bedeckt. Bildung als zentrales Thema klingt zwar immer gut, keiner würde widersprechen, dass ein Projekt, das zum Ziel hat, allen Kindern und Jugendlichen weltweit, egal ob männlich oder weiblich, den Weg zu einer schulischen Grundausbildung zu ermöglichen, eine gute Sache ist, wenn es dann aber drum geht, das Ganze zu finanzieren, lässt man mal lieber andere in die Bildungsfonds einzahlen.

Auch habe ich nur bedingtes Verständnis dafür, wenn in unseren Breitengraden der männlichen Bevölkerung die alleinige Schuld für Ungleichheiten zugewiesen wird. In großen Teilen propagieren wir Frauen den Unfug doch selbst.

Gefühlte 90% aller mir bekannten weiblichen Instagramaccounts bestehen aus Spiegelselfies, Make-Up-Tutorials, Dekoschickschnack und Diättipps. Tiefgang haben in der Regel nur die Quietscheenten der inszenierten und gestylten Kinder in der Badewanne.

Begrifflichkeiten wie Mompreneur oder Girlboss verdeutlichen in meinen Augen den Unfug noch. Frau möchte zwar gleich sein, aber bitte nicht so gleich, sich schlicht nur Boss oder Unternehmerin zu nennen. Das genderspezifische „Besondere“ muss da schon nochmal hervorgehoben werden. Wir sind zwar alle gleich, aber manche halt noch ein bisschen gleicher. Kein Mann würde je auf die Idee kommen, sich Dadpreneur oder Boyboss zu nennen. Und selbst wenn, wage ich zu bezweifeln, dass ihn beruflich damit jemand ernst nehmen würde. Warum sollte es den Frauen damit anders ergehen?

So lange wir nicht selbst aufhören, uns regelmäßig über BMI und Lidstrich zu definieren, kleine Babymädchen in bescheuerte Blumen-Kopfbänder, rosa Rüschenkleidchen und Lackschühchen zu zwängen statt in bequeme Spielkleidung, wird sich an dem Problem nichts tun.

Aber gut, ich bin sowieso der Meinung, dass wir kein Genderproblem haben sondern ein generelles Zwischenmenschlichkeitsproblem! Nur als kleine Info am Rande: Suizid nimmt den zweiten Platz der häufigsten Todesursachen bei Kindern und Jugendlichen bis 25 Jahren ein. Sowohl bei Jungs als auch bei Mädchen. Das ist sicherlich nicht einer Gesellschaft geschuldet, die den Fokus auf gegenseitigen Respekt, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Selbstwertgefühl und mentale Gesundheit legt. In einer solchen Gesellschaft würde nämlich weder Gender, noch Aussehen, noch Religion, noch sexuelle Orientierung oder Herkunft eine Rolle spielen, sondern schlichtweg der Fakt, dass wir alle Menschen sind und bislang nur den einen Planeten zum Leben haben.

Und deswegen kann ich es nur nochmal wiederholen: mir persönlich könnte dieser eine Tag egaler nicht sein. Was für mich zählt, ist das Verhalten an den restlichen 364 Tagen, denn nur so wird langfristig ein Schuh draus.

Viele Grüße

Nadine