Da steht mein Lehrerherz gerade kurz vorm Herzkasper. Ich surfe nonchalant auf Instagram, da wird mir im Feed ein Account, dem ich schon länger mal mit größerer, manchmal auch mit kleinerer Begeisterung folge, angezeigt und es springt mir folgendes Bild ins Auge:

Sie, ganz in klischeehafter Lehrerinnenmanier mit zurückgekämmten Haaren und Brille, hält in den Händen ein schwarzes Letterboard mit der Aufschrift „was uns die Schule wirklich beibringen sollte“. Daneben schwirren folgende Begrifflichkeiten durchs Bild: Einkommenssteuer, Nein sagen, glücklich sein, Altersvorsorge, Fitness, Ernährung, Umgang mit Geld, wie funktioniert ein Kredit, kochen, Anfertigung der Steuererklärung, Hausmittel selbst herstellen, Sozialverhalten, Dankbarkeit.

Darunter in Grossbuchstaben der Text „WELCHE FÄCHER SOLLTEN [sic.] ES IN DER SCHULE GEBEN, UM UNS AUF DAS LEBEN NOCH BESSER VORZUBEREITEN ?“ (@anika.power, Instagram, 21.03.19)

Und schon hatte ich eine pulsierende Halsschlagader. So schnell kann’s gehen.

Auch wenn just dieser Beitrag sicherlich humoristisch angedacht war und sicherlich primär nicht mit der Absicht verfasst wurde, Lehrern was Böses zu unterstellen oder sie niederzumachen, so hat er mich unmittelbar zum Hochgehen gebracht. Ohne der Verfasserin etwas Böses zu wollen, steht er für mich nämlich stellvertretend für alle seiner Art und ist aus Lehrersicht Öl ins Feuer der „ich alleine weiß, was gut für mein Kind ist und das herkömmliche Schulsystem gehört in Schutt und Asche gelegt“-Fraktion. Eben jene Fraktion, die eine harmonische Zusammenarbeit im Sinne der Kinder unfassbar schwer machen.

Denn Schul- und Lehrerbashing erfreuen sich insgesamt in Deutschland einer Beliebtheit, die mir als Zugezogene unbegreiflich ist. Schulbashing auf bedürfnis- und bindungsorientierten Accounts allerdings arten im Kommentarverlauf gerne mal in einem Ausmaß aus, dass das bloße Lesen aus Lehrersicht einem Ritt durchs Fegefeuer gleichkommt. Die öffentliche Reichweite macht’s möglich und wohlgewählte Hashtags sorgen ganz nebenbei für maximale Zielsicherheit auf der Suche nach dem passenden Klientel.

Niemand würde auf die Idee kommen, einem Elektriker zu erklären, was er in seinem Betrieb alles falsch macht und wie seine ganze Branche von Grund auf umgekrempelt gehört. Man hat nämlich schlicht keine Ahnung, wie die Branche läuft, wenn man nicht selbst Elektriker ist oder zumindest auf dem Bau arbeitet. Bei Lehrern hingegen hat gefühlt jeder zweite die Omnipatentlösung, schließlich „war man ja selbst mal Schüler“ und meint deswegen, Profi in diesem Bereich zu sein. Spoiler alert: hast du nicht selbst unterrichtet, hast du von dieser Seite des Pultes keine Ahnung. Sorry, not sorry.

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, es würde mich nicht aufregen.

Dieses immer wiederkehrende Schulbashing unter dem Deckmantel einer beziehungsorientierten Erziehung, sei es in sozialen Medien, Foren oder Portalen mit ähnlichen Reichweiten, ist inzwischen kaum mehr zu ertragen. Die Forderung nach oben genannten „Fächern“ genau so wenig.

Denn: Aus welcher Verantwortung wollen sich Eltern noch rausziehen? Ich formuliere es mal etwas überspitzt: Am liebsten im Sinne der Vereinbarkeit von Job und Familie die Kinder von 7 bis 19 Uhr (im übrigen im Schnitt 60 Minuten länger als Erwachsene durchschnittlich in der Arbeit verbringen) in Bildungseinrichtungen unterbringen, alles Relevante an Erzieher, Lehrer, Kantinenpersonal und Hausmeister abtörfen und die Kinder bestenfalls abends schön müde, wohlgeformt, satt, frischgebadet und im Schlafanzug entgegennehmen, damit man sie zu Hause ja nur noch ins Bett bugsieren muss, bevor man zum Handy greift, inspirierende Accounts durchscrollt und seine Meinung öffentlich für tausende, Zehntausende einsehbar darunter zu posten. Zeitgleich wird aber selbstredend von der Schule gefordert, dass die Bedürfnisse des Kindes an allererster Stelle zu kommen haben.

Sorry, so läuft das nicht.

Wir und darunter subsumiere ich jetzt sämtliche Lehrer aller Schulformen, haben vorrangig einen Bildungsauftrag in unseren Fächern. Die Fächer in denen wir ausgebildet wurden und das ist nicht „Marry Poppins trifft MacGyver und Mutti Kunde“. Das sind Fächer, die unser Dasein erklären, ein Miteinander ermöglichen, Kreativität und Aufgewecktheit fördern und uns davor bewahren sollen, die Fehler der Vergangenheit zu reproduzieren. Alles weitere kommt nachrangig und wurde lediglich in den Lehrplänen ergänzt, um die bereits bestehenden gesellschaftlichen und elterlichen Versäumnisse aufzufangen. Weder wurde die Lehramtsausbildung dahingehend angepasst, noch wurde zusätzliches Personal dafür eingestellt.

Soll ich jetzt also ernsthaft mit einem Anglistik, Geschichte und Lateinstudium 36 Schülern von denen 28 mit irgendwelchen bizarren Attesten/Auffälligkeiten *hust keine Kinderstube räusper* daherkommen neben meiner eigentlichen Aufgabe meine Fächer zu vermitteln, auch noch Kochen, Finanzen, Dankbarkeit, positive Selbstwahrnehmung und allgemeine Lebensfähigkeit beibringen? Sorry, nein. Not my job! Fachliches Wissen, eigenständiges Denken, Differenziertheit, kritisches Hinterfragen, Hilfe zur Selbsthilfe, DAS sind Kompetenzen, die ich zu vermitteln habe! Nicht „darf ich Efeu essen“ oder „wenn du’s Taschengeld am ersten verbrätst, hast du am zweiten halt keins mehr.“ Das, mit Verlaub, liebes müdes, überfordertes bisweilen überarbeitetes Elternteil ist DEIN Job. Mag nicht immer einfach sein, ist aber so.

Sicherlich spielen all diese Punkte in den Schulalltag mit rein. Einen gewissen Erziehungsauftrag haben Lehrer ja schließlich auch. Ebenso lässt sich über den Inhalt von Lehrplänen und ihrer Sinnhaftigkeit vortrefflich streiten. Nichtsdestotrotz ist es vorrangig Aufgabe der Eltern, ihre Kinder in einem Ausmaß aufs Erwachsenenleben vorzubereiten, dass sie nicht ins Straucheln kommen. Die der Schule ist es allenfalls erst in zweiter Instanz, nämlich dann, wenn es in erster Instanz nicht klappen sollte, als Auffangnetz sozusagen, aber sicher nicht als primärer Verantwortungsträger.

Denn wie viele Stunden sollen unsere Kinder noch in Einrichtungen verbringen, um neben dem eigentlichen Stoff auch noch rudimentäres Überleben zu lernen? Ich persönlich bin der Meinung, dass wenn man Kinder in die Welt setzt, ihnen gegenüber eine Verantwortung hat und die besteht nicht darin, alles abzugeben, worauf man selbst keine Lust hat oder wofür man sich nicht interessiert. Wer keine Haushaltstipps kennt, soll halt die Oma oder Google befragen. Wer nicht weiß, wie eine Steuererklärung geht, soll sich halt einlesen oder nach einem Fachmann googeln, der einem den Job abnimmt. Sich eigenständig Informationen beschaffen und sie sich zu eigen machen ist das Kernlernziel einer jeden schulischen Ausbildung. Die Erwartungshaltung, Informationen auf dem Silbertablett serviert zu bekommen wiederum fällt unter die Kategorie nicht verstanden, was Eigenverantwortung ist und wofür Schule da ist. Wer Instagram bedienen kann, kann auch Google bedienen. Keine Entschuldigung. Wer aber verstehen möchte, warum es ein Skandal ist, dass wir auch 2019 noch einen „equal pay day“ haben, der frage bitte seine Lehrer.

Es gibt einen Grund, warum Haushaltstipps HAUSHALTstipps heißen und nicht Lerneichinschuletipps. Ururomas Hausmittelchen hat sie sicherlich nicht in der Schule gelernt, denn als Ururoma zur Schule ging, sollte Bildung „bei Mädchen niemals in Wissenschaft ausarten, sonst hört sie auf, zarte weibliche Bildung zu sein“ [Raumer, Karl von: Die Erziehung der Mädchen, Stuttgart, 1853, Nachdruck Paderborn 1988, S. 82.], sprich, Omma wäre der Zugang zur Schule vermutlich gar nicht erst gewährt worden. Woher ich das weiß? Weil ich in der Schule gelernt habe, mit historischen Quellen zu arbeiten, während sich mein Elternhaus drum gekümmert hat, mir einen vernünftigen Umgang mit Nahrungsmitteln, Taschengeld und Rotweinflecken beizubringen.

Die hochgerankteste Webseite für Haushaltstipps und Hausmittelchen heißt nicht umsonst fragmutti.de und nicht fragdeinelehrer.de.

Wer als Eltern nicht in der Lage ist, seinem Kind grundlegendste Werte und Strukturen unserer Gesellschaft mit auf den Weg zu geben, der soll m.E. einfach Zeit seines Lebens verhüten.

Jagt eure Kinder statt zum Tai Chi und zur Nachhilfe in den Wald mit ihren Kumpels und lasst sie dort 3-4 Stunden pro Tag unbeaufsichtigt, frei spielen. Dann braucht es auch keinen Unterricht in Fitness, Glücklich sein und Sozialkompetenz. Wer seine prägenden Jahre fern von LTE und WLAN mit Spaß Haben, Experimentieren und auf Bäume Kraxeln verbringt, kommt gar nicht erst auf die Idee, sich über die Form seiner Augenbrauen zu definieren. Zudem weiß er, welche Heckenblätter eklig schmecken und dass die rohe, beim Metzger geschnorrte Wurst unmittelbar aufs Lagerfeuer und nicht in die Hosentasche gehört. Survival 1.0.

Unser Schulsystem ist nicht optimal. Keine Frage. Es gibt viele Punkte, die überholt gehören, weil sie auf Faktoren basieren, die unter den neuesten erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zweckdienlich sind. Wirtschaftlichkeit, messbare Vergleichbarkeit, Konkurrenzbasiertheit gehen nunmal von Haus aus nicht mit Individualität, Kreativität und freier Entfaltung einher. Dennoch geben tagtäglich Abertausende von Pädagogen unermüdlich ihr bestes und noch viel mehr, um Kinder auch fern der Benotungsgrundlage auf ihrem Weg zu mündigen und verantwortungsvollen Erwachsenen positiv zu bestärken. Wenn Eltern das gleiche tun, sind selbst die etwas angestaubten Strukturen der Schulwelt nicht mehr als ein kleines Schlagloch auf der Straße des Lebens.

Bedürfnisorientiertheit hört weder mit Vollendung des 18. Lebensjahres noch mit Schul- oder Hochschulabschluss auf. Auch nicht mit Beendigung des Referendariats oder der Verbeamtung auf Lebzeit. Auch Kinder aus bedürfnisorientierten Haushalten wählen Jobs im Lehramt. Ja, vielleicht sogar dein eigenes. Wie wird es seinem Job nun wohl eher 40 Jahre lang engagiert und motiviert nachgehen können: wenn es Wertschätzung erfährt oder wenn es täglich liest, in welchem Ausmaß sein kompletter Berufsstand im Umgang mit Kindern versagt? Ich wage zu behaupten, ersteres.

Und noch ganz nebenbei erwähnt, sollte es wirklich mal Diskrepanzen zwischen Schule und Eltern geben: der Ton macht die Musik und der Dialog den Unterschied.

Alle Pauschalisierungen dienen dem dramaturgischen Effekt und wer sich wegen der mangelnden gendersensiblen Ausdrucksweise gedisst fühlt, darf sich eine kostenlose Umarmung bei mir abholen. Die Grundlage meiner Sprachkompetenz sind Altgriechisch und Latein (nicht Sparen und Kochen wie bei Muttern) und weder Homer noch Horaz kannten ein Gendersternchen. Man möge es ihnen und allen Nachkömmlingen inkl. mir verzeihen.

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