Mutter Natur hat es gut gemeint und uns mit einem wortgewandten, neugierigen Kind gesegnet. Bislang bewegten wir uns literarisch auf recht sicheren Terrain, denn die Wahrscheinlichkeit, dass man in Baustellen-, Feuerwehr- und Traktorbüchern über unangemessene Wortwahl stolpert ist recht gering.

Nun bleiben Kinder aber halt nicht immer anderthalb, und ihre Ansprüche an Bücher werden auch nicht dauerhaft mit flauschigen Tierabbildungen befriedigt. Es kommt also allmählich für uns die Zeit, in der wir uns uns mit großen Schritten der Phase nähern, in denen Pippi Langstrumpf und Jim Knopf auftauchen und mit ihnen sämtliche andere Klassiker der Kinderliteratur, die allesamt eins gemein haben: eine aus heutiger Sicht nicht vertretbare Wortwahl.

Denn zweifelsohne enthalten all diese Geschichten Elemente, die aus heutiger Sichtweise so what from nicht politically correct sind und nach Ansicht vieler engagierter Eltern gestrichen gehören. Dem gegenüber steht die Fraktion, die eine Neuauflage mit geändertem Wortlaut als Zensur empfindet und den Verfall der kulturellen und künstlerischen Freiheit befürchtet.

Ich gebe zu, es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich bin aus tiefster Seele gegen jegliche Form von Rassismus und habe auch absolut kein Verständnis für „ja, aber das war ja nicht so gemeint“ Aussprüche. Wenn es nicht so gemeint ist, dann benutz andere Wörter oder sag einfach gar nicht erst was. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Nicht die Würde des weißen, schwarzen, grünen oder lilanen Menschen, sondern die des Menschen. Die eines jeden Menschen. Punkt. Mein Mutterherz schreit also alleine bei dem Gedanken, meinem Kind etwas von „Negerkönigen“ vorzulesen. Mein bester Freund zu Jugendzeiten hatte nigerianische Wurzeln, ich weiß also nur zu gut um die Sprüche, die sich ein Mensch mit von der Masse abweichender Hautfarbe anhören muss, denn sie flogen mir solidarisch mit um die Ohren, wir waren schließlich sehr lange unzertrennlich und ich als olles rothaariges Käsebrot stand a) im krassen Kontrast zu ihm und b) entsprach auch nicht der Norm des Durchschnittsluxemburgers, wenn auch anders.

Es sei nur so viel gesagt: die Sprüche, die es hagelt sind widerwärtig. Damals wie heute. Und kein ja aber der Welt, wird sie abschwächen, verharmlosen oder sie rechtfertigen können. Sie sind einfach inakzeptabel.

Und nun kommt mein Dilemma. Ich habe Literaturwissenschaften und Geschichte studiert.

Ich kann nicht anders als Bücher in ihrem zeitlichen Kontext zu sehen. Astrid Lindgren verfasste Pippi Langstrumpf in den 40er Jahren. Die Erstausgabe erschien 1945. Artikel 1 des Grundgesetzes 1949. Die Würde des Menschen war in den frühen 40ern allenfalls hinter vorgehaltener Hand ein Thema und noch sehr lange, um nicht zu sagen, 70 Jahre später beschämenderweise immer noch, recht flexibel in der Auslegung. Denn was von wem wen betreffend als würdevoll erachtet wird, hängt auch 2018 noch massiv von Herkunft, sozialem Status, Hautfarbe und Religion ab. Sicherlich nicht mehr in dem Ausmaß wie es 1945 der Fall war, aber definitiv bei weitem nicht so, wie es inzwischen sein müsste.

Ist es nun also damit getan, wie es der Oetinger Verlag seit 2009 tut, die betreffenden Worte zu streichen und gegen neutrale Begrifflichkeiten wie „Südseekönig“ auszutauschen? Könnte man denken. Schließlich werden die Kinderohren davor bewahrt, verachtende Wörter zu hören und an sich wollen wir ja alle, dass unsere Kinder sowas gar nicht erst lernen und die Terminologie bestenfalls ausstirbt.

Nur löst es meines Erachtens nicht das grundlegende Problem:

Scheiße ist Scheiße bleibt Scheiße, auch wenn man sie politisch korrekt „Darmausscheidung“ nennt. Das N-Wort zu streichen ändert nichts an der Tatsache, dass sich die beschriebenen Südseevölker sicherlich nicht freiwillig Efraim Langstrumpf unterworfen haben, ändert nichts daran, dass in Pippis Augen Völker zurecht von ihrem Vater ausgebeutet werden, ihre Behausungen als dreckig und verlaust dargestellt werden und ändert auch nichts daran, dass ganze Völkergruppen von ihr pauschal als Lügner beschrieben werden. All diese Passagen sind Teil der Geschichte. Streicht man jetzt all diese Elemente, um die Geschichte nach heutigen Maßstäben vertretbar zu machen, ist es nicht mehr die Geschichte.

Ein kleines neunjähriges Mädchen lebt alleine in einer Villa mit einem Pferd und eine Affen, verfügt über schier unendlich scheinende Goldreserven und kann sich deshalb sämtliche Freiheiten dieser Welt leisten, fern jeglicher Regeln, Gepflogenheiten oder Normen. Diese Freiheit hat es nicht, weil es so ein tolles, pfiffiges, starkes Mädel ist! Das ist ihr möglich, weil ihr Vater ganz im kolonialistischen Stil Menschen zu seinen Gunsten unterwirft und Profit draus zieht. Im Übrigen eine Vorstellung, die gerade im deutschsprachigen Raum so weit wie nur möglich weggewiesen wird. Kolonialismus ist hier schlichtweg kein Thema. Und wenn es doch mal eins wird, dann aber bitte nur der britische oder amerikanische Kolonialismus. Der deutsche… ach das bissl, das war ja auch nur ganz kurz.

Aber zurück zu Astrid Lindgren. Sehe ich sie also als Kinderbuch schreibende Rassistin? In Teilen sicherlich. Nicht weil ich sie als schlechten Menschen sehe, sondern, weil ich sie als Mensch ihrer Zeit sehe. Und diese Zeit zeichnete sich eben unter anderem dadurch aus, dass Rassismus ein ganz normales Alltagsverhalten darstellte, selbst bei den fortschrittlichsten Zeitgenossen. Genauso normal im Übrigen, wie Frauen als herdhütende Dummerle, Jungfrau in Nöten oder unterwürfige graue Maus darzustellen. Ein Element, das in Pippi Langstrumpf ebenso ständig vorkommt und durch die bloße Änderung der Terminolgie nicht behoben wird, ohne den kompletten Plot umzuschreiben.

Verteufele ich nun Pippi Langstrumpf zu tiefst? Nein. Es ist ein tolles Kinderbuch, das seit Jahrzehnten eine magische Anziehungskraft auf Kinder und Erwachsene ausübt. Astrid Lindgren ist eine großartige Kinderbuchautorin, die mit ihrem fortschrittlichen und humanistischem Ansatz, und ihrem Bild von starken, selbstbewussten Kindern ihrer Zeit weit voraus war. Und wie alle großen Autoren schaffte auch sie in ihren Romanen Figuren, die nicht glatt poliert, sondern eckig, kantig bisweilen fragwürdig waren. Die Figur Pippi Langstrumpf ist einzigartig in ihrer Kreativität und Stärke. Ihre Fehler und Schwächen gehören aber genauso dazu. Das macht sie zu der komplexen, unterhaltsamen und anziehenden Figur, die sie seit Jahren ist.

Nur durch solche Protagonisten regt Literatur zum Nachdenken und Hinterfragen an. Auch Kinderliteratur. Erst recht Kinderliteratur. Denn man mag es nicht für möglich halten, Kinder denken sehr viel und sehr feinfühlig. Und da korreliert mein politisch korrektes Mutterherz mit meiner Lehramtsseele. Man möge mir verzeihen, aber ich kann nicht anders, als mein Kind zu einem selbst nachdenkenden und hinterfragenden Menschen zu erziehen, der in der Lage ist, abzuschätzen, was geht und was nicht geht. Das kann ich aber nicht, wenn ich ihm ausschließlich vermeintlich reingewaschene Kinderklassiker präsentiere. Der geschichtliche Grundtenor schwingt ja trotz aller Reinwaschungen mit und der gehört auch hinterfragt.

Ich sag’s mal so: Klassische Literatur umzutexten ist wie Haare waschen mit Trockenshampoo: auch wenn es sauber aussieht, sind die Wurzeln immer noch siffig.

Kinder sind schlau, mehr als manch einer von uns glauben mag. Außerdem verfügen Kinder über eine einzigartige Neugierde, Fairness und Toleranz. Das sollten wir uns zu eigen machen. Wir haben am Ende nämlich alle wesentlich mehr davon, wenn die kommenden Generationen wissen, dass alles, was je zu Papier, Stein, Papyrus oder Twitter gebracht wurde immer in einem historischen, soziokulturellen Kontext steht und nicht blindlings geschluckt und wiedergegeben werden darf.

So sehr sich mein Mutterherz auch wünscht, mein Kind auf ewig vor beschämender Sprache fernzuhalten, wird im Hause T. früher oder später trotz allem das Negerprinzessinnen-Original vorgelesen und drüber gesprochen werden. Denn Original ist Original bleibt Original während zu viel Trockenshampoo lediglich die Sinne vernebelt.

Weltgeschichte ist brutal. Daraus lernen tun wir aber nur durch Aufklären und nicht durch Verschweigen.

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