Da bin ich wieder. Heidewitzka war es hier lange still. Aber mei, das Leben und so. Und mit Leben meine ich das auf Mykroebene, ihr wisst, das, was nicht unmittelbar sichtbar ist, aber in Kindergärten unter Fingernägeln, Zungen und Nasen herangezüchtet wird. Denn auch wenn Virologen sich einig sind, dass ihre Hauptdarsteller per se keine Lebewesen sind, weiß jede Mutter, die schon mal grünen Schnodder am Hemdkragen hatte: es lebt, es evolviert und es reproduziert sich.

Wir sind inzwischen also Eltern eines Kindergartenkindes. Übersetzt heißt das: wir hatten Zeit unseres Lebens noch nicht so viele Krankheitstage. Denn während der Nachwuchs mal für 2–3 Stunden etwas glüht, rote Bäckchen hat und unleidlich ist, liegen Mutter und Vater Tage, ach was, Wochen todsterbenskrank im Eck und überdenken ernsthaft die Wahl ihrer Lebensentscheidungen. Vor allem der November hat sich diesbezüglich als Hochsaison herausgestellt. Sprich, der Monat, in dem man üblicherweise mit den Adventsvorbereitungen anfangen würde, ist bei uns der Monat der Bindehautentzündungen, Magen-Darm und grippalen Infekte. Gefühlt gehen wir also vom Friedhofsegnen an Allerheiligen nahtlos in den ersten Advent über.

Und dann sitzt man am Wohnzimmertisch, schaut auf die Terrasse, stellt mit Entsetzen fest, dass das graue pelzige Etwas im Eck nicht etwa Nachbars Katze sondern eher der vor Wochen geschnitzte Kürbis ist und dann wird’s ungemütlich. Denn seien wir ehrlich: steht erstmal Dezember auf dem Kalender schafft man rein gar nichts mehr. Märkte, Weihnachtsfeiern, Familienverpflichtungen: die Wochenenden sind dicht. Und unter der Woche heißt es basteln, backen, packen, denn plötzlich fällt auch noch dem hinterletzten Wald- und Wiesenverein ein, dass doch ein bisschen ehrenamtliche Hilfe bei der Bestückung der Marktstände ganz zweckdienlich wäre.

Wie schaffe ich es also in diesen Wochen bei Verstand zu bleiben?

Weihnachtsroutinen überdenken

An erster Stelle: Weihnachtsroutinen und das eigene Verhalten überdenken. Ich habe damit spätestens seit der Zwerg auf der Welt ist angefangen. Zum Einen: „Nein“ ist eine völlig adäquate Antwort. Auch in der Vorweihnachtszeit. Wo ein Nein nicht in Frage kommt, suche ich vertretbare Alternativen, denn ob ich völlig gestresst oder tiefenentspannt durch die Adventszeit komme, hängt maßgeblich davon ab, was ich mir aufbrummen lasse und was nicht.

Hier ein paar Vorschläge: Tante Frieda möchte unbedingt so gerne das Großneffenenkelkind noch vor Neujahr sehen? Surprise: er wird aller Wahrscheinlichkeit im Januar noch genau so aussehen. Kindergarten, Schule, Arbeitgeber, Hallenhalma Hinterfröschen SV benötigt unbedingt noch Unterstützung für den weihnachtlichen Kuchenbasar? Pappteller und Servietten, ihr seid mein Zuständigkeitsbereich.

„Aber ich backe doch so gerne!“ ja, mache ich auch. Zu Hause, für Menschen, die mir nahe stehen, nicht für das ganze Viertel, dessen Kuchenbasarklientel zu 95% geschmacklich so gepolt ist, dass es den Rest des Jahres seine Backwaren bei einem hier nicht näher genannten Aufbackbäcker im Viertel kauft, dessen Käsekuchen zumindest meiner Mundsensorik nach einzig und allein zum Verfüllen circa 26 cm großer Einschusslöcher in der Fassadendämmung geeignet ist. Möchte ich mich also wirklich 4 Stunden in die Küche stellen, um Menschen, die ich kaum kenne was leckeres zu backen, wenn es rein geschmacklich auch ein Tiefkühlkuchen vom Discounter täte? Eher nicht. Da übernehme ich liebend gerne die Aufgabe „Pappteller besorgen“. Geht schneller, einer muss es tun und unter uns gesagt, schmeckt vermutlich sogar besser als besagte Käsekuchenblasphemie.

Der Weihnachtsbaum

Traditionen sind wichtig. Keine Frage. Ergeben sie aber keinen Sinn, sollte man sie überdenken. Der Weihnachtsbaum kam früher bei uns frühestens am 4. Advent ins Haus. Vermutlich wie in 95% aller Haushalte. Das Szenario war bis auf ein einziges Jahr das gleiche: die Verkaufsstände maximal voll, alle Anwesenden unter Maximalanspannung, der Nebenmann könnte ja den einzig wahren verbliebenen Baum vor der Nase wegschnappen. Was allerdings der einzig wahre Baum und was nicht, vermag niemand zu beurteilen, denn bis man es endlich zum Händler schafft, ist es 16:30 Uhr und schon so dunkel, dass im ausgehändigten Netz auch Omas Teppich gehüllt in Duftbaumspray stecken könnte. Zu Hause die Erkenntnis: der Baum ist zu hoch, die Decke zu niedrig, der Stamm zu dick, der Ständer zu schmal, wo in aller Welt ist noch der Fuchsschwanz, ach das Brotmesser tut’s auch, wo ist nochmal der erste Hilfe Kasten? Ach da liegt ja auch der Fuchsschwanz. Und überhaupt, warum ist der Baum nur so löchrig und schief, das ist doch nicht der, den wir ausgesucht haben?! Jedes Jahr! Bis auf eins.

Da stellten wir nämlich am 24.12 fest, dass uns irgendwer in unserem 6-Parteien Haus kackendreist den kompletten Christbaumschmuck inklusive Krippe vom Dachboden geklaut hat. Und zwar nur den Weihnachtsschmuck, sonst nichts. Und nicht mal die gesamte Tüte, in der meine Mutter alles weihnachtliche aufbewahrte, so dass es im Vorfeld hätte auffallen können. Nein, nur die einzelnen Teile. Jede Verpackung schön säuberlich aufgemacht, Kugeln, Ornamente und Figuren raus, Verpackung wieder verschlossen, zurück in die Tüte und Tüte wieder hingestellt, ganz so als wäre nix gewesen. Den Dialog meiner Eltern erspare ich euch, als mein Vater die Tüte nichtsahnend vom Dachboden holte und hinstellte, meine Mutter aber dachte, er wolle sie verkackeiern und er möge doch jetzt den verschollenen Baumschmuck wieder rausrücken, es sei Heiligabend nicht erster April.

Ich sag nur so viel: derjenige, der die Kugeln seitdem am Baum hängen hat, möge in der Hölle schmoren.

Gut, wir wohnen heute nicht mehr in einem 6-Parteienhaus. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns jemand den Baumschmuck vom Dachboden klaut ist also eher unwahrscheinlich, aber am restlichen Szenario ändert es herzlich wenig,

Also gibt es den Baum bei uns jetzt schon zum ersten Advent. Das hat wie ich finde gleich mehrere Vorteile: zum Einen ist es für mich im Haus erst richtig weihnachtlich, wenn der Baum steht. Zum anderen ist die Auswahl groß, die Angebote günstig und es muss am Ende nicht die Nordmanntanne für 85€ werden, weil alles andere nur drüsches Geäst ist. Die Verkaufsstellen sind noch leer, keiner ist übers Maß genervt, es gibt genügend Wechselgeld und man muss nicht in einer 3 Minuten-Aktion fertig sein, weil zu Hause 6 Töpfe auf dem Herd stehen und die Verwandtschaft hungrig auf der Couch wartet. Der größte Vorteil für mich ist aber: ich kann mich lange dran erfreuen. Denn ich möchte nicht am 24. einen Baum aufstellen, um ihn 10 Tage später wieder abbauen zu müssen, weil man sonst die Entsorgungstermine der Stadt verpasst. Und seien wir ehrlich: wir haben sie alle schon mal verpasst und der Baum stand gefühlt noch bis Ostern.

Schiebt es auf mein Gefühl der Nachhaltigkeit, wenn schon ein Baum sinnlos sterben muss, dann wenigstens erst nachdem er die komplette Adventszeit Freude bereitet hat und nicht unmittelbar nachdem er aufgestellt wurde.

Unser Baum kommt also schon am ersten Advent. Das Kind ist begeistert, es riecht den kompletten Dezember wunderbar nach Tanne, es sieht herrlich geschmückt aus und spätestens zum 2.1. bin ich mit Weihnachten so durch, dass das Teil guten Gewissens weichen kann und pünktlich zum Abholtermin der Entsorgungsbetriebe an der Sammelstelle liegt.

Die Bescherung

Die fällt bei uns klassischerweise ziemlich dezent aus. Mit einem Mann dessen Job keine Feierabende geschweige denn Feiertage kennt und zweier Familien, die ohne mehrstündige Autofahrt nicht zu erreichen sind, hat es sich in den letzten Jahren ergeben, dass wir im ganz kleine Kreis bei uns zu Hause feiern. Jeder, der gerne mit uns mitfeiern möchten, ist herzlich zu uns eingeladen, aber wir müssen einfach so realistisch sein, dass wir mit potenziellen Diensten und Rufdiensten nicht über drei Tage hinweg mehrere hundert Kilometer Strecke machen können.

Wir können die Bescherung also recht problemlos so gestalten, wie es für uns passt. Von zu Hause aus kannte ich zwei Varianten:

– Bescherung vor dem Essen.
– Bescherung nach dem Essen.

Bei ersterem waren die Kinder unmöglich an den Tisch zu bekommen, weil sie dafür die neuen Errungenschaften beiseite hätten legen müssen, bei zweiterem waren sie unmöglich am Tisch zu behalten, weil lieber ein glühend heißer Fonduebrocken die Speiseröhre heruntergejagt wurde als noch eine Sekunde länger die eingepackten Geschenke betrachten zu müssen.

In beiden Fällen mussten die Geschenke aber auch überhaupt erstmal im Verlauf des Tages unter den Baum. Und zwar so, dass die Kinder es nicht mitbekommen. Sprich, einer der Eltern musste sich dezent verkrümeln, während der andere Elternteil an eine mehr oder minder umfangreiche Ablenkungsaktivität gebunden war, die in etwa so ablief: „wo ist die Mama? Kommt die Mama gleich? Was macht die Mama denn? Wieso musste die Mama weg?“.

Na, wer findet sich darin wieder? Stand in der knappen Zeit auch noch ein familiärer Besuch, ein Gottesdienst und eventuell die Vorbereitung eines etwas aufwändigeren Essens an als Würstchen mit Kartoffelsalat, war der Grat zwischen oh du fröhliche und ich hasse euch alle recht schmal.

Ja, Traditionen sind wichtig, aber wenn sie mehr Stress bereiten als Freude, sollte man einfach neue schaffen.

Wir haben uns am Ende weder für die eine noch für die andere Bescherungsvariante entschieden. Ich habe wieder die ganz alte Variante „Bescherung nach Christmette“ eingeführt. Die Christmette fällt zwar dieses und vermutlich die nächsten paar Jahre zwecks Schlafenszeit des Kindes noch aus, aber das Christkind kommt bei uns trotzdem erst in der Nacht vom 24. auf den 25., ganz im Sinne der mentalen Gesundheit von uns Eltern.

Zum einen schafft uns dieser Ablauf einen wunderbar entspannten Heiligabend, denn der Baum ist ja bereits geschmückt, in der Regel alles an Essen bereits vorbereitet und falls nicht, auch nicht schlimm, denn Zeit ist ja genug. Es gibt kein heimliches Päckchenschmuggeln, kein Speedracing am Tisch, nur damit einer brüllen kann „ich bin fertig, kann ich aufstehen? Bescherung?“, und vor allem gibt es kein „da ist dein Geschenk, leg es jetzt aber bitte weg, es ist spät, du musst ins Bett, morgen ist auch noch ein Tag“.

Wir gönnen uns, sofern es der Dienstplan zulässt, ein netten, ruhigen Abend mit besonderem Abendessen, also etwas, das sonst nicht mal eben auf den Tisch käme, haben Zeit für Vorlesen, Singen, Tanzen, Spielen oder von mir aus auch einer Weihnachts-DVD, und wer müde ist, geht ins Bett. Das gilt vor allem für die Fraktion der unter vierjährigen, wobei wenn wir ehrlich sind, die ü40er dem Ganzen auch nicht abgeneigt sind.

Das Christkind hat dann nach Zapfenstreich viiiiiiel Zeit, in Ruhe durch den Schornstein zu krabbeln und die Geschenke unter den Baum zu drapieren und Wohnzimmer und Küche wieder so auf Vordermann zu bringen, dass der Bescherung in der Früh nichts im Wege steht.

Auf jeden Fall ist Bescherung am 25. das für uns entspannteste Szenario: im Schlafanzug Geschenke auspacken, spielen so viel und lang man möchte, drinnen oder draußen, völlig egal, denn hell ist es noch lang genug, kein Essen brennt an, wird kalt oder stirbt zweimal und alles in allem bleibt einfach viel gemeinsame Zeit ohne Stress, Zwänge und Anspannung.

Nennt mich verklärt, aber das Ende des Jahres möchte ich mit einem Lächeln im Gesicht hinter mich bringen und nicht mit Stressfalten und hervortretender Halsschlagader, weil „das haben wir schon immer so gemacht“.

Einen wunderbaren ersten Advent wünsche ich euch! Lasst mich gerne wissen, wie eure Weihnachtsroutinen sind und wie ihr die großen Stressoren ausschaltet.

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