Wann genau wurde es eigentlich salonfähig, dass Mütter andere Mütter hinter gar nicht mal so vorgehaltener Hand zerpflücken?

Eigentlich war ich geneigt, kritisieren zu schreiben, aber unter Kritik verstehe ich etwas konstruktives. Das, was aber mitunter auf Spielplätzen, Schulhöfen und am allerschlimmsten online abgeht, hat mit Kritik nichts mehr zu tun, das ist blankes Zerfleischen. Hühnerkampf deluxe sozusagen, nur braucht man nicht mal drauf wetten, denn einen Gewinner gibt es am Ende nie.

Hier in gekürzter Form eine kleine zarte Auswahl dessen, was ich in den letzten Monaten sowohl online als auch offline aus Müttermündern verlauten hörte:

Da ist diese Frau Ende 30, Mutter eines 5jährigen. Diese furchtbaren Karrierefrauen! Alle gleich! Nur am Arbeiten. Das arme Kind, nicht mal ein Geschwisterchen! Aber wie auch, wenn der Job wichtiger ist, als die Familie.

Ganz anders bei der Mutter von dreien, das vierte unterwegs. Der Mann Arzt, also unweigerlich ein klassischer Fall von „keep them pregnant and busy“. Die wollte das ja bestimmt gar nicht, aber er ist ja nie da. Wenn sie mit den Kindern zu tun hat, ist sie wenigstens beschäftigt und er kann weiterhin so viel arbeiten. Vermutlich legt er deswegen so großen Wert drauf, dass sie ständig schwanger ist, damit er seine Ruhe hat.

Ganz im Gegensatz natürlich zu der Dame mit Kopftuch, bei der ebenso das vierte unterwegs ist. Das ist ja reines Kalkül und ausschließlich wegen des Kindergeldes. Keine Frage. Sieht man ja, die drei ersten sind ja schon unmöglich. Nicht mal schwimmen kann der 4jährige, man wisse das, man sei ja in der gleichen Kitagruppe.

Dann hätten wir noch die, die immer am Handy ist, die, die ihr Kind nicht unter Kontrolle hat, weil es zu viel bei der Tagesmutter / der Kita / den Großeltern / ersetze hier eine beliebige Person deiner Wahl ist. Die, deren Kind bereits mit 3 Industriezucker bekommt und deshalb natürlich unweigerlich ein ADHS entwickelt, die, die ihre Kinder sogar tagsüber schnullern lässt und somit aktiv die Zahnfehlstellung provoziert, die, deren Nachwuchs mit 18 Monaten IMMER NOCH Windeln trägt und die, die nicht merkt, dass das Kind eine Sehstörung / Lernschwäche / Entwicklungsstörung / Sprachfehler oder sonstiges hat, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Nicht zu vergessen, die, die ihr 2jähriges noch stillt oder gar die, die überhaupt gar nicht erst stillen wollte! Und Impfen, lasst uns bloß nicht vom Impfen reden.

Ganz wichtig dabei ist aber vor allem eins, da ist sich die weibliche Spielplatz-/Socialmediapolizei einig: egal wie, egal wo, all diese Frauen sind als Mutter gänzlich ungeeignet und man selbst würde alles ganz anders machen, denn schließlich geht es ja ums Kindeswohl und da hört der Spaß auf.

Sagen wir wie es ist: Auch ohne die Argusaugen und Urteilsvermögen der gesammelten Mutterschaft um einen rum ist Muttersein anstregend. Brutal anstrengend. Umso mehr, je später du es geworden bist. Denn dann warst du schon sehr lange dran gewohnt, deine Arbeit, dein soziales Umfeld, und vor allem deine Eigenständigkeit zu haben und dein eigenes Ding zu machen. Egal wann, egal wie, egal wo. Ganz wie du wolltest.

Und dann kommt dieser Zwerg und nichts ist mehr so, wie es war. Und wird es auch nie wieder werden. Der Schlafmangel, die Hormonwallungen, das nicht mal mehr allein aufs Klo gehen Können. Das konstante innere Zerwürfnis, wie man allem und jedem und vor allem sich selbst gerecht wird. „Gehe ich wieder arbeiten und lasse mein Kind im Stich, oder bleibe ich zu Hause, liege dann aber dem Mann auf der Tasche? Was, wenn der Arbeitgeber nicht mitspielt? Finde ich nach 1, 3, 5, 8 Jahren Auszeit je wieder einen Job? Und wenn ja, kann ich ihn dann überhaupt noch?“. Stillen und Demenz gehen ja auch gerne mal stillschweigend einher. Du wägst hin, du wägst her und egal, welche Entscheidung du triffst, zweifelst du dennoch immer wieder, ob sie richtig war. Denn im Kern wollen wir alle nur eins: das Beste fürs Kind und die kleine neue Familie. Nur, wie soll man wissen, was das Beste ist, wenn man noch nie in der Situation war und auch nicht weiß, wie es wäre, wenn man anders entschieden hätte?

Der Freundeskreis ist auch nur bedingt eine Hilfe, denn der hat oftmals Kinder, die schon viel älter sind (und somit so manches schon wieder vergessen/verdrängt hat) oder aber hat (noch) gar keine. Eltern, Großeltern und sonstige Verwandtschaft sind in alle Himmelsrichtungen verstreut, nur nicht vor Ort. Wenn du selbst Zeit für einen Kaffee hättest, sind alle anderen arbeiten und wenn sie um 18:30 Uhr Feierabend haben, liegst du völlig erschöpft auf der Couch oder sitzt genau so erschöpft im Dunkeln neben einem Kinderbett, summst Lieder und hältst Händchen. Nie zuvor warst du so eng an ein anderes menschliches Wesen gebunden und gleichzeitig so einsam.

Ich kann nicht in Köpfe reinschauen, von daher möchte ich nicht behaupten, dass es allen so geht. Aber ich wage zu behaupten, es sind verdammt viele, die zwischenzeitlich so empfinden. Denn das Rollenmodel „Er geht arbeiten, sie bleibt zu Hause und kümmert sich um die Kinder“ ist immer noch die Norm. Die Zeiten, in denen aber die Mutter, die Oma und noch zwei Tanten im gleichen Haus wohnten und ab und an zur Hand gehen oder einfach mal mit Rat und Tat zur Seite stehen konnten sind längst vorbei und dann stehst du da mit deinem Säugling, der dich mitunter weder schlafen, noch essen, noch pullern lässt und du bist primär nur eins: auf dich allein gestellt.

Bevor jetzt der Aufschrei kommt, ja natürlich gibt es die Partner. Es gibt sehr engagierte, liebevolle und aufmerksame Partner, solche die sich um alles kümmern und im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles für die Familie tun. Aber auch bei diesen Partnern gilt: wer einen gewissen Lebensstandard aufrechterhalten will, ist darauf angewiesen, dass ein volles Gehalt am Ende des Monats aufs Konto kommt. Und das geht in der Regel nur, wenn eine Person voll arbeitet. Moderne Welt hin oder her, wir wissen alle, dass das in den meisten Fälle nicht die Person ist, an deren Brust alle 2-3 Stunden für 20-30 Minuten genuckelt wird. Wenn der Partner also im Schnitt 9 Stunden am Tag arbeitet und zudem noch ein Mindestmaß an Schlaf benötigt, um diese Stunden zu überleben, kann man sich an einer Hand abzählen, wie viele Stunden eine durchschnittliche Mutter am Tag auf sich allein gestellt ist.

Das ist kräftezehrend. Schlafentzug zudem eine anerkannte Foltermethode. Das letzte, was Frau da noch braucht, sind andere Mütter, die ihr wertende Kommentare und überhebliche Blicke entgegenschleudern.

Vielleicht würde die Karrierefrau liebend gerne zu Hause bleiben, weiß aber, dass sie nie wieder einen Fuß in die Tür bekommt, wenn sie aussetzt. Vielleicht träumte die Arztfrau schon immer von einer Großfamilie und lebt jetzt ihren Traum. Vielleicht hat die mit dem Handy seit acht Tagen nichts anderes außer „Mamamaaaaaaaa“ gehört und braucht einfach eine Auszeit und ein bisschen Kontakt zur Außenwelt, sei es nur in Form von Instagram. Vielleicht ist auch der Spielplatz der einzige „ruhige“ Moment, um eine längst überfällige Mail zu beantworten. Man weiß es schlichtweg nicht. Jede hat ihre Gründe, warum sie was wie wann tut. Angemessen, ihr subtil oder oftmals gar nicht mal subtil zu verstehen geben, dass man sich selbst für wesentlich fähiger hält, ist es aber nie.

Fakt ist: Muttersein ist schön aber eben auch anstrengend. Verdammt anstrengend. Kann man da nicht einfach mal solidarisch sein? Wer, wenn nicht jemand in exakt gleicher Lebenssituation sollte verstehen, wie es ist, wenn die Nacht nach 3 Stunden unterbrochenem Schlaf zu Ende ist, Kind 1 aber auch pünktlich, angezogen und mit Frühstück im Bauch in die Kita gebracht werden will, wenn Kind 2 mit Koliken die halbe Nacht wach war.

Wer soll es nachempfinden können, wie es ist, selbst Magen-Darm zu haben und trotzdem nachts um 3 zum vierten mal die Betten der ebenfalls kranken Kinder neu zu beziehen, damit wenigstens die trocken liegen, während man selbst vorm Klo auf den Fliesen nächtigt und sterben möchte? Unsere Lebenswege und Erziehungsansichten mögen zwar vielleicht komplett konträr sein, aber im Kern tun wir doch alle das Gleiche.

Und das, was wir tun verfolgt das gleiche Ziel, nämlich, dass unsere Kinder gesund und glücklich aufwachsen.

Wie das aber letztlich von wem umgesetzt wird, geht schlichtweg niemanden was an! Wir geben alle unser Bestes im Rahmen unserer Möglichkeiten. Wenn diese Möglichkeiten nun nicht den eigenen Ansprüchen gerecht werden oder ins jeweilige Weltbild passen, ist das vorrangig das eigene Problem. Denn so lange dem betroffenen Kind, dir selbst oder deinem eigenen Nachwuchs kein unmittelbarer Schaden droht, geht es dich schlichtweg nichts an.

Wir sitzen alle im gleichen Boot. Wir haben gute Tage und wir haben schlechte Tage. Aber weder an dem einen noch an dem anderen steht es irgendjemandem zu, zu urteilen.

Ist tatsächlich mal eine Mutter auf dem Spielplatz vollkommen geistesabwesend am Handy statt bei ihrem Kind, kann man natürlich die Augen verdrehen und drüber herziehen. Man kann aber genauso gut einfach ein Auge mit drauf haben, dass sich das Kind nicht am Klettergerüst stranguliert oder in einem unachtsamem Moment auf die Straße rennt und der Frau die paar Minuten Realitätsflucht gönnen. Davon haben alle mehr.

Das gleiche gilt im Internet: statt Hasskommentare unter Beiträge zu setzen und auf der Welle der Entrüstung die Sau durchs Dorf zu treiben, kann man die jeweilige Seite auch einfach wegklicken. Man MUSS nicht alles kommentieren. Man kann Accounts auch einfach entfolgen oder sie ausblenden, wenn sie einem nicht gut tun oder gegen die eigenen Wertevorstellungen verstoßen.

Die Welt da draußen ist irre genug. Selbstzweifel und gefühlter Leistungsdruck in Zeiten von Facebook, Pinterest und Instagram unter Müttern erschreckend präsent. Da muss man sich doch nicht noch gegenseitig Sprüche reindrücken.

Wer mich kennt, weiß, dass ich sicher nicht mit einem Blatt vor dem Mund geboren wurde. Ich spreche Dinge so aus, wie ich sie sehe. Ehrlich, offen und direkt. Damit kann zwar auch nicht jeder, aber zumindest weiß man in der Regel woran man ist. Dennoch bin ich der Meinung, dass vieles gar nicht erst ausgesprochen werden muss. Nämlich ziemlich genau immer dann, wenn das einzige Ziel des Auspruchs es ist, dem Gegenüber den eigenen Willen, die eigenen Standards oder den eigenen Lebensstil aufzudrängen. Das ist schlichtweg anmaßend und braucht kein Mensch!

Sicher gibt es auch bei mir die Momente, in denen ich denke „ach du Sch… wie geht die denn mit dem KInd um?“ oder wer schon länger meine Blogs verfolgt, weiß, dass ich Menschen, die kranke Kinder in irgendwelchen Einrichtungen abgeben statt sie zu Hause auszukurieren, die Pest an den Hals wünsche, ich bemühe mich dennoch nach Kräften, auch dann freundlich und nicht anmaßend zu sein. Denn ich weiß einfach nie, was die Gründe dahinter sind und ob ich die Person mit einem vielleicht gar nicht mal böse gemeinten Spruch, nicht vielleicht sogar zutiefst verletze.

Ich bin definitiv kein ausschließlicher Verfechter von „wenn du nichts nettes zu sagen hast, dann sag gar nichts“. Manchmal muss man nämlich auch mal Unbequemes aussprechen, um Situationen zu verbessern. Aber das tut man bitte in einem direkten Gespräch und nicht hinterm Rücken, in WhatsApp Nachrichten oder Social Media Kommentaren. Was bitte soll es bewirken, sich gegenseitig Hasskommentare entgegenzuschleudern. Was soll es bringen, an der Schaukel über die an der Rutsche herzuziehen? Nichts. Es bringt einfach nichts.

Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen. Was das Päckchen ist und wie schwer es jeweils wiegt, kann niemand beurteilen. Sicher ist aber eins: es wird nicht leichter, wenn es zusätzlich noch mit negativer Energie und unangemessenen Sprüchen gefüllt wird.

Also ihr Mütter, seid lieb zueinander! Unterstützt euch gegenseitig und macht euch nicht noch gegenseitig fertig. Man muss nicht gleicher Meinung sein, um friedlich nebeneinander her zu leben. Ein kleiner netter Spruch oder eine aufmerksame Geste bringt soviel mehr als Naserümpfen und Sticheln. Wie sollen unsere Kinder Sozialkompetenz lernen, wenn sie regelmäßig gegenseitiges Zerfleischen als Normalverhalten vorgelebt bekommen? Wenn wir eins brauchen in Zeiten, in denen Menschen mit zu viel Macht und Lobby vorschlagen, zum Schutze der Kinder Lehrer mit Waffen auszustatten, dann sind es Kinder, mit guter Sozialekompetenz und gutem Selbstwertgefühl. Fangen wir doch einfach auf dem Spielplatz damit an, genau das vorzuleben. Wer weiß, vielleicht kommt es ganz nebenbei auch der angeschlagenen Psyche von manch Erwachsenem zu Gute.

Denn völlig wurscht ob mit Einzelkind oder 6 Geschwisterkindern, zurück im Job oder Zuhause bleibend, Impfbefürworter oder -gegner, am Ende des Tages sitzen wir alle irgendwann auf Knien vor der Badewanne und fischen sang- und klanglos braune Hinterlassenschaften aus dem Wasser. Das hat ein Mindestmaß an gegenseitigem Respekt und Hochachtung verdient!