Ich bin euch vom letzten (oder vorletzten?) fünf Fragen am fünften noch eine Redewendung schuldig, die fest in meinem Wortschatz verankert ist. Hier also die Geschichte dazu:

Wenn ich meine Kindheit in einem Wort beschreiben müsste, wäre es wohl Gasse.
Ich wohnte mitten in einer Sackgasse mit rechts und links Spielplätzen, Fußballplatz und verwildertem Abhang, der an einen kleinen Wald grenzte. Sprich, wir, das heißt alle 20 Nachbarskinder und ich, waren draußen. Immer.

Die Mädchendichte war ziemlich überschaubar, sie bestand nämlich aus mir und nunja, mir halt. So bin ich also aufgewachsen: in mitten einer Horde Jungs in der Gasse. Klingt abenteuerlich, war es auch.

Geschadet hat es mir soweit ich das bislang beurteilen kann aber nicht, nur hat sich mein Sprachzentrum leider nie so recht von dieser frühkindlichen Prägung erholt. Was ich damit sagen will: auch wenn ich inzwischen tatsächlich sogar mal das ein oder andere Kleid statt der Schaffbux trage, bin ich sprachtechnisch mitunter immer noch eher Seemann als Grande Dame und es fällt mir bisweilen gar nicht auf.

Bis dato war aber auch das kein Problem, ich habe es zum Abitur und an die Uni geschafft, ich habe einen Mann gefunden, der mich geheiratet hat und alles in allem lebe ich nicht schlecht trotz (oder gerade wegen?) des Mundwerks.

Dann kam der Nachwuchs. Seitdem achte ich tatsächlich sehr darauf, wie ich rede, welche Wörter ich vor allem in seinem Beisein verwende, dass ich bitte und danke sage und ihm so gut wie nur möglich mit gutem Beispiel voran gehe. Bisher bin ich diesbezüglich auch sehr stolz auf ihn. Abgesehen davon, dass er per se eher zurückhaltend anderen Menschen gegenüber ist und dann wenig bis gar nichts spricht, ist er ansonsten derart freundlich, dass es für einen Zweijährigen fast schon surreal ist. Bitte und Danke kommen ihm genau so selbstverständlich über die Lippen, wie Gesundheit nach dem Niesen und ausdrückliches Loben, wenn man in seinen Augen etwas gut gemacht hat. Es ist zum Schreien niedlich und füllt mein kleines Mutterherz mit großer Freude.

Selbst einen Nachmittag auf der Kegelbahn mit 10 deutlich älteren Kindern haben wir trotz so mancher pubertären Wortentgleisung ohne Folgeschäden hinter uns gebracht. „Scheiße“ war tatsächlich nur ein einziges Mal interessant und wurde danach zu meiner großen Freude nicht nochmal nachgeplappert. Er ist halt doch ein Guter.

Und dann kam ich.

Wann auch immer er es gehört hat, ich kann es nicht nachvollziehen. Ich bin nämlich wirklich sehr drauf bedacht, ordentlich mit ihm zu reden, aber leugnen wäre zwecklos, er hat es von mir.

Mein süßer, niedlicher überaus sprachgewandter zweijähriger Sohn sitzt im Wohnzimmer, schiebt friedlich seine Autos von rechts nach links,  von links nach rechts und murmelt vor sich hin.

Erst habe ich es gar nicht verstanden, aber dann konnte sich das Erdloch nicht schnell genug vor mir auftun. Mein zweijähriger Sohn sitzt also mit seinen Autos auf seinem Spieleteppich, schiebt die Autos von rechts nach links und von links nach rechts und murmelt zur Melodie von Bruder Jakob „kack doch die Wand an, kack doch die Wand an…“!  Immer und immer wieder.

Erdloch wo bist du!!!!

Ich konnte durchaus damit leben, als er sich mit erhobenem Zeigefinger und festem Blick vor mich aufbaute und mir inbrünstig entgegenschleuderte „Mama, ich habe nein gesagt!“ (Wenn man es oft genug hört, kann man es ja auch mal selbst versuchen), auch fand ich es zum Schreien komisch, als er früh morgens als erste Amtshandlung dem Mann des Hauses die Hand auf den Mund legte mit den Worten „halt mal die Klappe“! (es fehlte eigentlich nur noch der Beisatz „ich brauch erst nen Kaffee“). Wie ich aber DAS demnächst dem kirchlichen Kindergarten bei der Eingewöhnung erklären soll, ist mir noch unklar.

Da saß er also vor mir, klein, süß, niedlich und jetzt dann auch leicht tourettebehaftet. Nie zuvor wurde mir derart ungeschönt ein Spiegel vorgehalten. Da kannst du dich also noch so sehr anstrengen, Kinder bekommen alles mit. Einfach ALLES. Und dann geben sie es völlig ungefiltert wieder und schneller als du schauen kannst, sitzt die Miniaturausgabe von dir selbst auf dem Spieleteppich und flucht vor sich hin.

Jetzt bleibt die Frage, wie damit umgehen? Verbieten ist Quatsch. Klappt erstens sowieso nicht und macht’s zweitens nur noch reizvoller. Hoffen und Beten, dass es ein genauso kurzes Intermezzo wie die Kegelbahnsprüche wird und bis zur Kita-Eingewöhnung vergessen ist? Wäre eine Idee, scheitert aber wohl daran, dass er es bis dahin bestimmt noch unbeabsichtigterweise das ein oder andere mal hören wird. Ich bekenne mich schuldig.

Bleibt wohl nur der Weg, ihm zu erklären, dass es keine schöne Wortwahl ist und ich es auch nicht sagen sollte. Die Idee einer Fluchkasse habe ich kürzlich wieder verworfen. Denn Kinder sind Verbrecher. Clevere Verbrecher, aber Verbrecher! Wie ich darauf komme? Nun, eine Bekannte hat mir erzählt, dass sie eine genau solche Fluchkasse eingeführt hat. Der Plan war aber wohl nicht ganz zu Ende gedacht. Die Idee war nämlich, das sich darüber ansammelnde Budget für Ausflüge in die Eisdiele zu nutzen.

Was sie dabei nicht bedacht hatte, war der Ansporn ihrer Kinder. Die trieben sie fortan nämlich wesentlich öfter in den Wahnsinn. Erst war sie nur etwas verwundert und schob es auf die Unausgeglichenheit wegen Dauerregen und zu viel Stubenhockerei, dann überhörte sie allerdings ein Gespräch zwischen den drei Geschwistern. Sie planten seelenruhig, wie sie Mama und Papa noch vorm Wochenende oft genug zum Platzen bringen, damit die Kasse gut genug gefüllt sei. Samstags sollte nämlich die Sonne scheinen und in der Stadt hatte eine neue Eisdiele aufgemacht…

Soviel zu dem Thema Verbrecher. Und dann soll einem als Eltern nicht mal eine gepflegtes „ja kack doch die Wand an“ entweichen dürfen. Schier unmöglich!

Und nun entschuldigt mich bitte, ich gehe mich vors Kinderzimmer stellen und brummeln, wie toll das Kinderbett ist und wie super es ist, darin die komplette Nacht durchzuschlafen. Wer weiß, vielleicht führt das auch zur Nachahmung und trägt langfristig Früchte.

YouTube aktivieren?

Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?