Da war er der Moment, an dem ich auf dem Spielplatz stand und nicht wusste, ob ich den Kopf in den nächsten Baum schlagen oder mich einfach um meinen Kram kümmern soll.

Letzteres, ich hab letzteres getan, denn das ist nicht nur auf dem Spielplatz der beste Ansatz.

Was war passiert?

Ich hatte zufällig eine Unterhaltung zwischen zwei Frauen überhört. Die eine bereits Mutter, die andere werdend.

Es wurde darüber geredet, dass das bevorstehende Baby am Tag x um die und die Uhrzeit zur Welt kommt. Per Wunschsectio. Mit genauer Uhrzeit. Alles genau geplant.

Begründung: „Sie hat es nicht so mit Schmerzen und möchte sich auch nicht den Rest ihres Lebens beim Niesen einpullern.

Ich kann die genaue Reihenfolge meiner Gedankengänge gar nicht mehr wiedergeben, vermutlich schossen sie alle zeitgleich durch meinen Kopf…aber ich war wirklich hin und hergerissen zwischen Fassungslosigkeit und Alarmiertheit.

Nun habe ich durch die Berufswahl des besten Mannes von Welt alles in allem gar nicht mal so wenig Einblick in Kliniksalltag. Auch wenn ich selbst nicht da arbeite, weiß ich um OP-Pläne, ich weiß um echte Notfälle und um solche, die als Notfälle verkauft werden. Ich weiß aber auch um Personalmangel, Krankenstände und Dinge, die einfach nicht vorhersehbar sind, in Kliniken aber ständig vorkommen.

Kurzum, bei der Vorstellung, dass jemand ernsthaft eine Geburt Wochen vorher minutengenau plant und wirklich daran glaubt, dass das dann auch alles so eintritt, bekam ich leichtes Augenzucken.

Und da hatte ich den Punkt mit den Schmerzen noch gar nicht in Betracht gezogen.

Ihr ahnt es vielleicht anhand meines Wortlautes: ich halte den Plan, ein Kind nach Fahrplan rausoperieren zu lassen, nicht für den schlausten. Erst recht, wenn der Gedankengang dahinter ist, Schmerzen zu vermeiden.

Bevor sich jetzt jemand betroffenes aber auf die Füße getreten fühlt: Ihr seid natürlich völlig frei in eurer Entscheidung und niemand außer euch selbst hat da auch nur im Ansatz mitzureden, ich am allerwenigsten. Was für mich vermeintlich das Richtige ist, ist für euch vielleicht grottenfalsch und andersrum genau so.

Versteht diesen Beitrag also nicht als Kritik sondern als simplen Erfahrungsbericht.

In den letzten knappen drei Jahren sind mir so unfassbar viele Mütter unterkommen, die die Geburt ihres Kindes als etwas ganz Furchtbares empfunden haben, dass ich mich schon seit längerem frage, wie das zustande kam. Inzwischen habe ich die lose Vermutung, dass es mit einer ziemlich verklärten Erwartungshaltung zu tun hat, die gerade in größeren Kliniken schwer zu erfüllen ist.

Bei dieser werdenden Mutter zumindest war jetzt schon abzusehen, dass der tatsächliche Verlauf wohl kaum mit ihrer Vorstellung übereinstimmen wird und eine Enttäuschung quasi vorprogrammiert ist.

An sich weiß man es zwar, aber vielleicht sollte man doch nochmal erwähnen, dass Kinder sich per se nicht für Fahrpläne interessieren. Auch schon nicht im Mutterleib. Festgesetzter Termin hin oder her, wenn das Würmchen zwischendrin entscheidet JETZT kommen zu wollen, dann kommt es JETZT, egal was der OP Plan sagt, und spätestens dann ist der ganze perfekt ausgetüftelte Plan eh hinfällig. Bleibt die Frage, wie gelassen man in so einem Fall mit der Situation umgehen kann, wenn man sich bereits Wochen vorher das Szenario am Reißbrett zusammengestellt hat und überzeugt davon ist, dass alles so abläuft.

Dann wäre da der Punkt mit den Schmerzen. Wie sag ich das jetzt nur galant? Nun, eine große Bauch-OP dem natürlichen Wege vorzuziehen, weil man es nicht so mit Schmerzen hat….das ist in etwa so erfolgreich, wie als Prostituierte arbeiten zu wollen, um seine Jungfräulichkeit zu bewahren. Also gelinde gesagt, ziemlich kontraproduktiv.

Denn ist erst mal die Betäubung weg, tut so ein Bauchschnitt weh. Scheiße weh. Infernalisch scheiße weh. So viele Hormone und Glücksgefühle kannst du gar nicht ausschütten, dass du eine durchtrennte Bauchdecke inklusive aller Muskeln, Sehnen und was sich sonst noch so da befindet als schmerzfrei empfindest.

Ich hole mal ein wenig aus, wie das bei mir so ablief vor guten zwei Jahren.

Als Mensch mit eher ausbaufähigem Orientierungssinn halte ich es prinzipiell eher so: da wo es rein geht, geht‘s auch wieder raus. Das war auch der Plan für unseren Nachwuchs. Nur sah er das ganz anders.

Nicht nur hat er sich ganze 11 Tage über Termin Zeit gelassen, bis er sich endlich bequemt hat, den Ausgang zu suchen, unterwegs musste er auch noch den Kopf schief legen, so dass nix mehr ging. Weder vorwärts noch rückwärts. Vollsperrung ohne Rettungsgasse sozusagen.

Nach 24 Stunden im Kreißsaal, Trillionen Stellungswechsel, Pressen als hinge das Leben davon ab, 4 Schichtwechsel und somit quasi dem kompletten Personal der Gyn mindestens einmal dort, wo Frau sie nie haben wollte, nach diversen Versuchen mit Zange und letztlich auch noch 65 kg gynäkologischem Lebendgewicht mit Ellbogen auf meinem Bauch, in der Hoffnung „schieben hilft“, kam dann doch irgendwann vom Oberarzt der Vorschlag, in den OP zu fahren.

Fand ich ja mal so gar keinen guten Plan und winkte den Vorschlag dankend ab.

Alle Anwesenden erzählen die Geschichte etwas anders, nämlich dass ich ihn angeschrien hätte mit den Worten „von wegen! Ich press doch hier nicht seit 24 Stunden, damit ihr schneidet!!!“, aber in meiner Erinnerung habe ich lediglich gesagt, dass ich es weiter auf natürlichem Wege versuchen möchte.

Wie auch immer, der Verlauf nun tatsächlich war, der Wunsch wurde mir gewährt, aber nach dem zillionsten vergeblichen Versuch, den Zwerg mit der Zange zu erwischen, musste auch ich irgendwann eingestehen, dass es nix bringt und es für alle Beteiligten wohl wirklich schlauer ist, in den OP zu fahren, so lange der Zwerg noch kompensiert ist und nicht irgendwann mit wehenden Fahnen da zu landen.

Unser kleiner Querulant wurde also tatsächlich rausgeschnitten.

Und nun zu den Dingen, die ich vorher nicht wusste (das wäre für zart Besaitete jetzt der Moment zum Wegklicken):

  • Wenn die Betäubung erst nicht genug und dann wohl etwas zu weit aufgespritzt wird, kann es passieren, dass nicht nur die Beine taub werden. In meinem Fall auch noch der linke Arm. Komplett. Über Stunden. Noch ein bisschen mehr und aus „Lokalanästhesie“ wäre spontan „Vollnarkose“ geworden, denn so eine Atmung kann man offenbar damit auch lahmlegen. Ich sah es recht entspannt, der Anästhesist allerdings war mal kurz etwas schnappatmig.
  • Der Versuch, ein Neugeborenes mit einem Arm zu halten, während der andere leblos an dir runterbaumelt ist etwas gewagt.
  • OPs sind Mist. Großer Mist. Du bist nämlich nicht die einzige, die operiert wird und wenn du Pech hast und 9 Monate vorher das Fernsehprogramm schlecht war, kann es passieren, dass du nach der Entbindung 4 Stunden lang im Aufwachraum die Uhr anschaust und den Chef deines Mannes zum Glückwünsche Aussprechen früher zu Gesicht bekommst als dein Kind. Bei 22 Geburten an mehr oder minder dem gleichen Tag hat nämlich auch in der Uniklinik einfach kein Mensch Zeit, den Wicht zu dir rüber zu bringen, während du noch wie eine Schildkröte auf dem Rücken im Aufwachraum liegst. Da wird sich um die gekümmert, die akute Hilfe dringender benötigen als du und dein gesundes Kind. Und auch wenn es ganz großer Mist ist, so lange warten zu müssen, bis du dein eigenes Kind endlich zu Gesicht bekommst, ist es durchaus richtig, die Prioritäten so zu setzen, denn Notfälle gehen einfach immer vor. Trotzdem mag so ein Szenario bei der ein oder anderen frischen Mutter zu Panikzuständen führen.

Der Punkt geht also eindeutig an die natürliche Geburt: keine OP, kein Aufwachraum. Sprich, du bleibst am gleichen Ort wie dein Kind, zumindest wenn es allen gut geht.

  • Der „kleine Schnitt“ von dem alle vorher sprechen, ist ein Schnitt über deinen kompletten Bauch. Da ist nix mit bissl anritzen und dann passt das schon, nee nee, da wird Fleisch zerteilt. Und Fettgewebe und Muskelstränge. Also quer einmal alles, was sich zwischen Nabel und Schlüpper befindet.

Geschnitten wird auch nur der kleinste Teil. Der Rest wird gerissen. Klingt fies, ruckelt auch ordentlich, verheilt aber besser als ein glatter Schnitt. Martialisch ist es dennoch.

Ist dann erst mal alles soweit auf, ist das Kind bestenfalls recht zügig draußen. Manchmal aber eben auch nicht. In meinem Fall dauerte es gute 15 Minuten, tendenziell eher länger. Denn wenn schon verkeilt, dann auch richtig.

Tja, und dann ist dein Kind doch plötzlich raus, wird dir nur mal kurz gezeigt und dann auch schon an dir vorbeigetragen und zum Untersuchen in irgendeinem Nebenraum gebracht. Der Vater geht bestenfalls mit und du bleibst im OP zurück und kannst dich lediglich mit dem Pfleger unterhalten. Was zugegebenermaßen in meinem Fall sehr nett und unterhaltsam war, denn mein Pfleger war wirklich großartig, sympathisch und ich aus mir völlig unerklärlichen Gründen trotz der Umstände gänzlich tiefenentspannt. Aber es bleibt dabei: du bekommst einfach nix, rein gar nix mit. Ob es dem Winzling gut geht, wie er aussieht, was er wiegt, welche Mimik er macht, wenn er zum ersten Mal Licht sieht, nix. Mit ein wenig Glück, denkt jemand dran, viele Fotos zu machen, denn das ist auch alles, was du von den ersten Minuten/Stunden zu sehen bekommen wirst.

Während dein Baby also irgendwo weg von dir die ersten Untersuchungen über sich ergehen lässt, liegst du also da und hast bestenfalls einen sympathischen Pfleger an deiner Seite während du im Kopf die Melodie von Jeopardy summst, und drauf wartest, dass deine Gebärmutter vernünftig kontrahiert und die OP-Mannschaft dich endlich wieder zunäht. Und Gott bewahre, wenn das einer macht, dem man im Gehen die Schuhe besohlen kann. Dann liegst du noch länger da rum. War bei mir Gott sei Dank nicht der Fall, dennoch lag ich ewig da, bevor es in den Aufwachraum ging. Ohne Kind. Das kam nämlich tatsächlich erst knappe 4 Stunden später zu mir und das auch nur, weil sich der beste Ehemann von Welt den Zwerg auf eigene Faust schnappte und ohne jegliches Klinikspersonal zu mir brachte, denn im Kreißsaal war offenbar immer noch Land unter. Und das im ganz normalen Tagesbetrieb, also nicht etwa nachts um 3 mit reduziertem Personal. Nun kannte ich einen Teil der Mannschaft, wusste, mein Mann ist dabei und dementsprechend war es für mich tatsächlich auch kein Problem. Zugegebenermaßen war ich gar nicht so unfroh drüber, mich ein wenig ausruhen zu können, aber 1-2 Stunden hätten auch gereicht, es hätten nicht 4 sein müssen, bis ich mein Kind kennenlernen durfte. Aber sei es drum, Hauptsache alle gesund und alle anderen Mütter und Kinder im Kreißsaal auch gut versorgt.

Irgendwann nach keine Ahnung wie vielen Stunden war ich dann auch endlich auf dem Zimmer, Mann und Kind an der Seite und alles war prima bis auf den linken Arm. Der wollte immer noch nicht. Der erste Abend war aber alles in allem ok. Ich konnte aufstehen, war zwar sehr zitterig, aber die Schmerzen hielten sich in Grenzen. Wie naiv man doch sein kann, wenn die PDA noch wirkt…

Es kam der nächste morgen und mit ihm Krankenschwester Else Kling, die beschloss, das Kind muss jetzt gestillt werden. Ohne nennenswerte Vorwarnung wurden mir also 4 Kilo Kind auf den Bauch gelegt. Der Bauch mit einer Naht von San Francisco bis nach Shanghai mit Zwischenstopp in Berlin.

Infernalisch ist der mildeste Ausdruck, den ich dafür habe. Hätte Else Kling den Zwerg nicht sofort wieder hochgehoben als ich sie angeschrien habe… ich hätte ihn instinktiv an die Wand geschleudert.

Ich bin echt kein Pienzchen, aber das waren die unsäglichsten Schmerzen, die ich jemals hatte.

Und genau so ging es die nächsten Tage auch weiter. Liegen: nur auf dem Rücken. Sitzen: wovon träumst du nachts? Stehen: selten so gelacht. Lachen: wag es ja nicht. Niesen:  Expressticket schnurstracks in die Hölle.

Sicherlich sind die Schmerzen nochmal eine andere Hausnummer wenn du vorher bereits 24 Stunden lang im Kreißsaal Situps, Crunches und weiß Gott was gemacht hast und am Ende der gynäkologischen Assistenzärztin noch als Trampolin dientest, als wenn du ohne jegliche Wehe und Anstrengung zum OP-Termin erscheinst, aber es ist und bleibt eine große Bauch-OP und die wird auch ohne vorherigen Kampf im Kreißsaal nicht schmerzfrei von statten gehen.

Kommen wir zum nächsten Punkt: Leitlinien für Schmerztherapie in Frauenkliniken. In der Inneren ist die Empfehlung, bei großen Bauch-OPs einen Schmerzkatheter zu legen. Nun mag sich die frische Mutter freuen, den PDK hat sie nämlich oftmals noch liegen, man möge ihn also bitte nochmal aufspritzen.

Düdüm. In der Gyn ist das Argument „nein, dann sind die Frauen so schlecht zu mobilisieren“. Ja genau. Weil man ohne PDK ja unmittelbar rumhüpft wie ein junges Reh. Entschuldigung, ich habe einen 20 cm Schnitt im Bauch, alles, was ich derzeit tun kann, ist auf dem Rücken liegen und mit den Wimpern klimpern. Mit Mobilisation hat das nicht im Ansatz was zu tun, also kann man auch den PDK aufspritzen. Auch das Argument, es wäre niemand da, um den Katheter zu betreuen war in unserem Fall Unfug, denn der, der das sonst auch beruflich macht, und es ohne weiteres auch jetzt hätte tun können, lag eh 24/7 unmittelbar neben mir und schmachtete sein Neugeborenes an. Aber nein, nix zu wollen. Der PDK wurde nicht aufgespritzt.

Als angemessene Schmerzmedikation nach Kaiserschnitt ist an deutschen Unikliniken nämlich folgendes vorgesehen: Paracetamol, Buscopan, Ibuprofen. Und wenn gar nix mehr geht, Voltaren Zäpfchen.

Kinners, hätte ich lachen können, ich hätte es getan. So eine Kombi nimmt die durchschnittliche Frau alle 28-30 Tage, um über den/die Tag/e zu kommen. Nennt mich engstirnig, aber wenn einem ein Kind aus dem Leib geschnitten wird, ist das ein klein wenig eine andere Hausnummer als Regelschmerzen.

Ich weiß nicht mehr sonderlich viel von den ersten 4 Tagen, aber ich weiß, dass ich dem Oberarzt irgendwann gesagt hab, dass wenn er mir jetzt noch mit Aspirin kommt, ich zur Axt greife, ihm ein Loch in den Bauch schlage und er mir dann ja sagen kann, ob er mit Paracetamol und Aspirin zurecht kommt.

Nett war auch Else Kling, die mir, nachdem sich meine Begeisterung, mit infernalischen Schmerzen durchs Zimmer zu laufen eher in Grenzen hielt, entgegnete „die, die im OP nebendran lag, steht schon unten und raucht“. Das allgemeine Fazit nicht betroffener Leute auf der Station lautet nämlich gerne mal: „stell dich nicht so an.“

Als in einem der unzähligen „Himmel ich kann vor Schmerz nicht denken“-Gesprächen dann als Argument vorgetragen wurde, dass man ja sehr wohl wisse, dass das alles nicht die optimale Medikation sei, aber man es halt schon immer so gemacht hat und neue Konzepte so schwierig gegen das alteingesessenen Pflegepersonal durchzusetzen sind, war es dann bei mir völlig aus.

Die moralischen Keulen nach dem Motto „wenn du stillen willst, kannst du nichts nehmen, du willst ja nicht, dass dem Kind was passiert, gell?“ sind nämlich auch nicht sonderlich förderlich. Halten wir also fest: Du hast dein Kind noch keine 30 Minuten am Stück halten können, weil es dich sonst vor Schmerz zerreißt, aber Teile der Belegschaft werden dir suggerieren, dass du dich zu sehr anstellst und eine verantwortungslose Mutter bist, wenn du Schmerzmittel einforderst. Und zwar der Teil der Belegschaft, der selbst noch nie in gleicher Situation da lag.

Ich bin tatsächlich nicht zart besaitet und weiß mich eigentlich auch durchzusetzen. Wenn du aber völlig platt, erledigt und schmerzgeplagt auf der Hormonachterbahn sitzt, fällt Durchsetzen ziemlich schwer. Ich kann nur lose ahnen, wie sich die ein oder andere frische Mutter in der Situation fühlen mag, wenn sie vielleicht insgesamt empfindlicher, ängstlicher oder überforderter ist. Und nein, das ist kein spezielles Problem unserer Klinik. An anderen Häusern ist es keinen Deut besser, denn auch wenn ich sicher nicht feministisch oder über‘s Maß genderspezifisch angehaucht, bin ich mir recht sicher, dass das Schmerzkonzept anders aussähe, wenn auch mal der ein oder andere Mann da liegen würde. Bei Frauen gehört das nämlich so, Kinderkriegen tut nunmal weh, hab dich nicht so. Steht ja schon in der Bibel.

Ich hatte mehrfach die Kniescheibe ausgerenkt, zwei Motorradunfälle und diverses andere Zeug, das ordentlich weh tat. Aber alles kein Vergleich zu diesem Bauchschnitt! Und egal mit wem ich mich im Nachhinein unterhalten habe, „ach bei mir hat das Paracetamol sehr gut gewirkt“ habe ich bis dato noch von keiner einzigen Frau nach Kaiserschnitt gehört.

Am Ende hatte ich allerdings doch noch Glück. Der beste Mann von Welt hatte nach zwei Tagen die Faxen auch dicke und hat mir in Eigenregie ein Betäubungsmittel besorgt. Denn es gibt durchaus Sachen, die man auch stillend nehmen kann, ohne ein gesundes Kind in unmittelbare Gefahr zu bringen. Da es aber niemals Studien dazu geben wird und die Angst vor möglichen juristischen Konsequenzen zu groß ist, wird eine solche Entscheidung immer dünnes Eis bleiben. Wer sich aber dafür interessiert, dem kann ich einen Blick auf www.embryotox.de empfehlen.

Im übrigen bliebe für ganz ängstliche auch immer noch die Option Flaschennahrung und so lange abpumpen und entsorgen bis die Schmerzmedikation nicht mehr nötig ist und dann wieder stillen. Mit Geduld und einer entspannten fähigen Hebamme klappt das in der Regel auch.

Aber ich schweife ab.

Summasummarum, so ein Kaiserschnitt tut im Anschluss weh. Brutal weh. Verzeiht es mir also, dass ich bei „Ich möchte eine Sectio, weil ich mit Schmerzen nicht kann“ immer noch Zuckungen bekomme.

Ach, und hatte ich die Sache mit der Darmträgheit nach OP schon angerissen?  So ein Darm kann es schon mal latent übel nehmen, wenn am offenen Bauch rumgewurschtelt wird. Und dann liegst du da, 4 kg Kind draußen, dafür aber 30 Liter Luft drin. Statt des ersten Sushis oder Steaks, um die 10 Monate Abstinenz zu feiern, gibt es SAB-Simplex an Movicolbeutel. Zum Frühstück, zu Mittag, zum Abendessen. Und das alles, während neben dir dein Blasenkatheter plätschert. Oder zwei Schwestern versuchen, dich irgendwie unter die Dusche bugsiert zu bekommen, ohne dass du die Grätsche machst. Was kann es würdevolleres geben?

Wenn du dann nach 4-5 Tagen so langsam wieder halbwegs auf den Beinen bist und heim darfst, geht es ähnlich weiter. Dann kommt nämlich die Auflage, für mind. 6 Wochen nichts zu tragen, das schwerer ist als dein Kind. Denn Bauchnaht und Heben ist einfach eine ziemlichen schlechte Kombination. Sag das mal dem Chef deines Mannes, der letzteren im Schnitt nach 2 Wochen wieder in der Arbeit sehen möchte. Dann stehst du nämlich allein da, wenn keine Verwandtschaft unmittelbar greifbar ist.

Du kannst dir also für die nächsten Wochen überlegen, was du in welcher Reihenfolge aus dem Auto holst, das Kind oder die Babyschale, denn schade schade das Kind in der Babyschale liegend darfst du nicht tragen. Zu schwer. Von älterem Geschwisterkind und Einkaufstüten reden wir gar nicht erst.

Betäubungsmittel habe ich im übrigen eine knappe Woche genommen, danach taten die Voltarenzäppfchen tatsächlich auch ihren Dienst für noch weitere 3-4 Tage. Alles in allem also circa 2 Wochen Medikation. Komplett verheilt, also so dass ich mich gar nicht mehr eingeschränkt fühlte, war die Sache allerdings wirklich erst nach knappen 12 Wochen.

Da hatten die Mädels ohne Sectio bereits 4 Wochen Rückbildungsgymnastik hinter sich.

Und das mit der Blase? Ich möchte jetzt niemanden enttäuschen, aber Harninkontinenz ist bei Frauen die verbreitetste chronische Krankheit. Es kann im Verlauf eines Lebens also durchaus völlig unabhängig von der Art einer Geburt passieren, dass mit der Zeit Niesen nicht nur obenrum zur feuchten Angelegenheit wird. Insofern wäre das für mich jetzt auch nicht unbedingt ein Argument, mich freiwillig aufschneiden zu lassen. Zumal der Druck auf den Beckenboden auch schon vor der Geburt vom Baby ausgeübt wird und Beckenbodengymnastik auch nach Sectio das einzige ist, das was bringt.

Insgesamt vertraue ich einfach darauf, dass die Natur sich schon etwas dabei gedacht hat, eine natürliche Geburt so anzulegen. Wäre es nämlich ein Ding der völligen Unmöglichkeit, wäre die Menschheit bereits vor vielen hundert Jahren ausgestorben, man kann meines Erachtens also durchaus drauf vertrauen als gesunde Frau mit einem gesunden Kind eine natürliche Geburt gut zu überstehen.

Und falls es doch mal nicht klappen sollte, gibt es das Sicherheitsnetz OP ja trotzdem noch und das ist auch gut so, sonst würde mit großer Wahrscheinlichkeit nämlich weder ich noch unser Nachwuchs heute hier sitzen.

Wie gesagt, ich möchte mit Nichten jemandem in seine Entscheidung reinreden oder jemanden aufgrund seiner Entscheidung verurteilen. Ich weiß, dass das Thema sehr emotionsbehaftet ist und ich weiß, dass es zig wirklich gute Gründe gibt, eine Sectio vorzuziehen, da sollte sich auch niemand rechtfertigen müssen. Natürlich gibt es auch zig Fälle, die trotz Sectio tags drauf schon wieder nach Hause sind und sich völlig fit fühlten. Bei mir war das aber definitiv nicht der Fall und bei der großen Mehrheit der Mädels, mit denen ich mich anschließend unterhalten habe auch nicht.

Insofern hilft mein bisschen Realität vielleicht ja dabei, die andere Seite der Medaille zu sehen, denn wenn ich höre oder lese, dass ein Kaiserschnitt als „schmerzarme und risikofreie Geburt“ verkauft wird, kriege ich Zuckungen. Das ist schlichtweg schlechte Aufklärung. Und schlechte Aufklärung führt zu falschen Vorstellungen und dann muss man sich auch nicht wundern, wenn Frauen anschließend mit Geburtstrauma nach Hause gehen.

Ich für meinen Teil habe keins. Denn auch wenn das Schmerzkonzept danach für mein Empfinden ein einziges Desaster war, war abgesehen von Else Kling und ganz wenigen Ausnahmen das komplette Kreißsaal- und OP-Personal total nett und freundlich, ich fühlte mich zu keinem Zeitpunkt schlecht aufgehoben, falsch beraten oder zu etwas genötigt, das ich nicht wollte. Unterm Strich kann ich also durchaus sagen: auch wenn manches etwas holprig war und anders hätte laufen können, würde ich jeder Zeit nochmal dort entbinden.

Und wer weiß, wenn erst mal alle Else Klings in Rente sind (was in dem Fall nicht mehr sonderlich lange dauern sollte) wird es vielleicht ja auch mal was mit einem vernünftigen Schmerzkonzept. Vielleicht braucht es doch einfach mehr Oberärztinnen an Unikliniken. Nichtsdestotrotz würde ich, wenn es keinen medizinischen Grund gibt, auch beim nächsten mal keine Sectio anstreben. Um es in den Worten meiner Mutter zu sagen „wer ein Kind krieg, geht nicht zur Kirmes“, egal ob Sectio oder spontan, beides hat seine Vor- und Nachteile, aber man sollte wenigstens um alle Bescheid wissen, bevor man eine Entscheidung trifft.

Der Frau vom Spielplatz wünsche ich auf jeden Fall alles Gute und hoffe inständig, dass sie die nötige Gelassenheit mit sich bringt, um von ihrem festen Plan und der Wunschvorstellung nicht enttäuscht zu werden.