„Entschuldige bitte, sie ist nicht perfekt aber wenigstens noch rechtzeitig“ hat mir neulich eine Bekannte entgegnet, als sie mir die Einladung zum Kindergeburtstag aushändigte. Ich habe mich artig bedankt, freute mich über die Einladung und zuckte innerlich doch kurz zusammen.

Ist es jetzt wirklich so weit, dass man sich für fehlende Perfektion bei Kindergeburtstagseinladungen rechtfertigen bzw. entschuldigen muss? Sind wir inzwischen wirklich so Photoshop/Instagram/Pinterest geschädigt, dass eine etwas schepp geschrieben Uhrzeit oder Adresse als Makel erscheint?

Ok, ich bastele sozusagen hauptberuflich Grußkarten, bei denen oftmals nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, dass sie handgemacht sind. Ich habe dafür aber auch eine Ausstattung fern vom Stern, die kein Normalsterblicher sich jemals anschaffen würde. Vielleicht war das der Grund, weswegen sie das Gefühl hatte, sich für ihre Variante rechtfertigen zu müssen, aber ganz ehrlich: ich bin froh, wenn sich überhaupt jemand die Mühe macht, Einladungen mit Uhrzeit und Adresse zu gestalten. Egal ob mit professionellen Stanzformen oder einer vom 2jährigen geschnitzten Kartoffel als Stempel.

Nicht selten wird man nämlich zu Geburtstagen, Playdates oder ähnlichem eingeladen, sagt freudig zu und stellt dann erst fest, dass man sich zwar seit Monaten immer wieder auf dem Spielplatz trifft, gut unterhält, die Kinder sich gut finden, man aber nicht den Hauch einer Ahnung hat, wie die Frau heißt, weil sie immer unter „Mama von xxx“ läuft, geschweige denn, dass man wüsste, wo sie wohnt.

Menschen sind nicht perfekt. Sie waren es nie, sie werden es nie werden und das ist auch gut so. Versteht mich nicht falsch, ich habe durchaus einen recht hohen Anspruch an die Menschheit und hasse es wie die Pest, wenn sich jemand offensichtlich überhaupt keine Mühe gibt oder etwas, entschuldigt die Wortwahl, nur so hinrotzt. Da wäre mir tatsächlich lieber, man ließe es ganz bleiben als etwas völlig liebloses und halbherziges abzuliefern, aber irgendwo muss man den lieben Gott auch mal einen guten Mann lassen.

Je mehr ich drüber nachdenke, umso mehr komme ich zu dem Schluss, dass es so ein Frauending ist, immer alles perfekt haben zu wollen. Zumindest ist mir noch kein Mann begegnet, der das Bedürfnis hatte, sich bei den Kumpels für Fingerpatscheabdrücke an der Balkontür zu rechtfertigen. Mütter tun sowas. Ständig. Ich auch.

Nur warum?

Warum begrüßt man seine Gäste nicht mit „schön, dass du da bist, geht’s dir gut?“ statt mit „komm rein, entschuldige bitte den Saustall, die Woche war stressig“.

Nicht die Woche war stressig, das ganze Leben ist turbulent. Die meisten von uns halten neben Job, alltäglichen Verpflichtungen und dem üblichen Trara ja auch noch Tag für Tag kleine Menschen am Leben, die scheinbar als einzige Lebensaufgabe haben, sich blind in den Verkehr zu stürzen oder Dinge in den Mund zu stecken, die Toxikologen oder Chirurgen auf den Plan rufen. Und diejenigen, die diese kleinen Menschen nicht haben, haben Haustiere, Jobs, Verwandtschaft oder sonst etwas, das sie gut beschäftigt.

Sagen wir wie es ist: jeder von uns hat einen Belastungstopf und der ist vermutlich so gut wie bei jedem überwiegend randvoll. Die Mutter von 5 Kindern mag darüber schmunzeln, dass die Frau mit „nur“ einem Kind über die Belastung jammert, das ändert aber nix daran, dass deren Topf nicht auch voll ist. Er hat vielleicht nur ein anderes Fassungsvermögen, weil er noch nicht so lange gedehnt wurde, voll ist er trotzdem.

Da braucht man sich nun wahrlich nicht noch mehr aufhalsen, um perfekt zu erscheinen.

Wie heißt es noch so schön?

Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen.

Muss eine Küche wirklich porentiefrein sein? Muss der Fußboden glänzen als wäre er frisch aus einem Magazin? Müssen die Cupcakes selbstgemacht, einheitlich verziert, pinteresque arrangiert und geschmacklich einzigartig bis fantastisch sein? Ja ok, blödes Beispiel, trockene und verbrannte Cupcakes mag nun wirklich niemand, aber hey, mir ist es völlig Wurscht, ob da ein Eck weg ist, eine Delle in der Glasur ist, das Förmchen noch das von Weihnachten ist oder aber es die aufgetauten vom Discounter sind. Hauptsache es gibt überhaupt welche!

Ganz ehrlich: Ich möchte weg von diesem Irrsinn. Weg davon, mich rechtfertigen oder erklären zu wollen, weil der Fußboden nunmal so aussieht, wie er aussieht, wenn 1-5 Kinder und ebenso viele Erwachsene den ganzen Tag zwischen Garten und Wohnzimmer gependelt sind. Wenn es bei uns aussieht wie die Wutz, dann ist es eben so. Dann ging es gerade nicht anders, sonst sähe es anders aus.

Zugegebenermaßen gebe ich nicht allzu viel darauf, was andere Menschen von uns denken, schließlich ist es ja unser Leben. Und trotzdem erwische ich mich immer mal wieder dabei, mich zu rechtfertigen. Der Hauptgrund dafür ist aber wohl eher, dass mich manches selbst stört.

Und deswegen bemühe ich mich, unserem Alltag so unkompliziert wie möglich zu halten und einfach mein Bestes zu geben.

An manchen Tagen wird das mehr sein, an anderen weniger, aber unterm Strich möchte ich abends ins Bett gehen mit der Gewissheit, das Machbare gemacht zu haben. Völlig egal, ob perfekt oder nicht.

Ärgert es mich, dass die Freitagskolumne jetzt schon wieder nicht zum Freitag fertig war? Klar! Fände ich es schöner, wenn das Haus aufgeräumt und sauber, der Kleiderschrank sortiert und ausgemistet und der Kellerinhalt beim Wertstoffhof wär?? Ganz eindeutig. Aber es ist nunmal wie es ist: ich bin nicht perfekt. Meine Einladungen zum Kindergeburtstag mögen in der Regel zwar so erscheinen, dafür fragt mich aber bitte nicht, wann ich zuletzt den Fußboden des Kinderzimmers gesehen hab. Alles eine Sache der Prioritäten.

Und deswegen wuchert bei mir auch das Unkraut im Vorgarten, der Flur gleicht einem Hindernisparcours, die Fenster sind pappig, die Haare ungekämmt und die Knie vom Kind schwärzer als die eines Grubenarbeiters je sein könnten, aber am Ende des Tages schmiegt sich der fast Dreijährige an mich und murmelt „ich hab dich sooooo lieb“.

Wann hat euch zuletzt die Nachbarsfrau in den Arm genommen mit den Worten „Ihre Einfahrt ist sooooooo unkrautfrei“.

Da darf jetzt jeder für sich entscheiden, was ihm wichtiger ist. Ich für meinen Teil ziehe ersteres vor.

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