Die Sache mit dem Threenager.

An sich sind wir gesegnet mit einem recht ausgeglichenem Kind. Die berühmt berüchtigten Wutausbrüche, auf den Boden Werfen und hysterisches Gebrüll haben wir bis dato eher selten gehabt und ich klopfe auch unmittelbar auf Holz, dass dem so bleibt.

Dafür befinden wir uns mitten in der „la la la ich höre dich nicht“-Phase.

Man mag sich mich vorstellen beim sechsten „zieh jetzt bitte deine Schuhe an“ – keine Reaktion- „zieh jetzt BITTE deine Schuhe an” – keine Reaktion – “z i e h j e t z t B I T T E d e i n e S c h u h e. a n !“ – „…“

Ich.Könnt.Platzen.

Nun ist es aber halt leider so, dass so ein dreijähriges Gehirn primär einspurig ist. Auch wenn unsereins den Eindruck haben mag, dass diese eine Spur mitten durch Kalkutta verläuft und zeitgleich 17896 Busse, Autos, Motorräder, Rikschas, Tuk Tuks, und Esel drauf unterwegs sind, so ist es doch immer nur eine Spur und das was gerade drauf fährt, hat Vorfahrt. Völlig ungeachtet dessen, was drum herum so passiert. Ist das Hirn also gerade auf „ich bespiele den roten Bus eingestellt“, kann Muttern im Flur noch so sehr nach Schuhen brüllen, was dann zählt ist der rote Bus. Nicht mehr, nicht weniger. Ich kann also auch den Türknauf anbrüllen, der Effekt ist der gleiche.

Das zu bedenken klappt bei mir zugegebenermaßen nicht immer. Es gibt also eigentlich nur zwei Abläufe in diesem Szenario: 1) mir reißt nach dem sechsten Bitten die Hutschnur, ich nehme ihm dem roten Bus aus der Hand und die Schuhe kommen an die Füße, mit dem Ergebnis, dass ich genervt bin und das Kind vor blanker Empörung heult.

Oder aber 2) ich bin die Erwachsene in der Beziehung und versuche den Ablauf so zu steuern, dass es nicht eskaliert.

Ich bemühe mich inständig um letzteres. Denn seien wir mal ehrlich, in einem Szenario, in dem ich gerade noch am Handy beschäftigt bin, der Mann aber aufbrechen möchte, das schon drei mal kommuniziert hat, ich, geistesabwesend, wie ich bin, dennoch nicht reagiere und er mir deswegen das Handy aus der Hand nimmt, mir Schuhe an die Füße batscht und mich an die Tür bugsiert, heule ich zwar vermutlich nicht vor Empörung, wie der Haussegen allerdings hängt, überlasse ich mal gepflegt der Phantasie.

Wie kommen wir also auf die Idee, dass es bei Kindern funktionieren sollte? Es erschließt sich mir nicht, denn funktionieren tut es schlicht und ergreifend nie. Hat es nie, wird es nie.

Was also tun? Denn ein Gespür für Uhrzeiten und Verpflichtungen haben Dreijährige in der Regel eher nicht, und so ist auch der Kooperationswille dementsprechend eher dürftig.

Die Sache mit der Hirnreife

Verstehen hilft. Um aber zu verstehen, muss ich jetzt hier ein wenig ausholen.

Da wäre als allererstes das Problem mit dem präfrontalen Cortex. Das menschliche Hirn reift spannenderweise vom Hals an aufwärts. Nun liegt der präfrontale Cortex als Teil vom Frontallappen der Großhirnrinde dummerweise ziemlich genau hinter unserer Stirn. Anders ausgedrückt: es könnte hirntechnisch gesehen vom Hals weiter nicht weg sein. Sprich, dort wird das Licht erst angeknipst, wenn alle anderen Gehirnbereiche schon längst leuchten. Und das dauert, kein Scherz, im Schnitt um die 20-25 Jahre. Es sind halt schon recht viele Lichtschalter in so einem Hirn, die reihum angeknipst werden müssen (zugegebenermaßen gibt es auch genügend ü30 Personen, bei denen manch Glühlampe nur leidlich vor sich hin flimmert, was es also noch grotesker macht, von Kleinkindern bereits die helle Erleuchtung zu erwarten).

Nun wird es gleich noch etwas blöder. Nicht nur dauert es ewig bis dieser Bereich ausgereift ist, er umfasst dummerweise ausgerechnet auch noch drei der wichtigsten Areale unseres Menschseins:

– Den orbitofrontalen Cortex; der Bereich, der maßgeblich für Sozialverhalten und Entscheidungsfähigkeit zuständig ist.

– Den dorsolateralen Cortex; der Bereich, der die Fähigkeit der Zielsetzung, Planung, kognitiven Flexibilität und abstraktem Denken steuert.

– Den ventromedialen Cortex; der Bereich der zuständig ist, Risiken einzuschätzen, Angst und Hemmungen zu steuern und jetzt kommt‘s: emotionale Reaktionen kontrollierbar zu machen.

Treten im Erwachsenenalter Verletzungen in diesem Bereich auf, kann man je nach Verletzungsgrad folgendes beobachten:

– Unfähigkeit der Langzeitplanung, Verlust des Kurzzeitgedächtnisses.

– Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen.

– Triebenthemmung, Missachtung sozialer Normen, Verlust der Impulskontrolle.

Na, Hand hoch, wer erkennt sein Kleinkind darin wieder? Ja, da wäre sie, die Erklärung. Wir reden also schlicht und ergreifend von kleinen Menschen, deren Werkseinstellung es ist, gänzlich enthemmt fehlendem Sozialvehalten und Planlosigkeit nachzugehen und dabei noch das Langzeitgedächtnis einer Amöbe und die Impulskontrolle eines platzenden Luftballons zu haben.

Oder anders ausgedrückt: Es kann es schlichtweg nicht besser, weil die Kommandozentrale noch in der Entwicklungsphase steckt. Düdüm.

Was ergibt sich daraus für mich? Nun, primär ändert es natürlich nichts an der Tatsache, dass die gottverdammten Schuhe auf Gedeih und Verderb nicht an die Füße kommen. Es ändert aber sehr wohl etwas an meiner aufsteigenden Wut. Denn in dem Moment, wo ich mir bewusst mache, dass ich nicht ignoriert werde, um mich zu ärgern, sondern weil die Ressourcen gebunden sind, fällt es mir deutlich leichter ruhiger zu bleiben und die Situation nicht eskalieren zu lassen.

Lasse ich ihm deswegen nun alles durchgehen? Nein, natürlich nicht. Aber ich versuche, meinen Alltag so zu gestalten, dass ich nach Möglichkeit keinen Zeitdruck habe und immer genügend Puffer ist, um Szenenwechsel anzukündigen. Denn Hingehen, für Augenkontakt sorgen und ankündigen, „Spiel das bitte jetzt noch zu Ende, und dann ziehen wir die Schuhe an“ ist in der Regel 1000 mal erfolgreicher, als vom Flur aus rüberzubrüllen, dass die Schuhe nun an die Füße sollen.

Denn auch wenn am Ende ich die Verantwortung trage und die Richtung angeben muss, so ist es doch ein Unterschied, ob ich wie in jeder anderen Beziehung auch, die Bedürfnisse meines Gegenübers akzeptiere und versuche, einen Kompromiss zu finden oder aber meinen Willen aufzwinge. Da ich letzteres an mir selbst nicht erfahren möchte, versuche ich nach Möglichkeit, es auch im Umgang mit meinem Kind zu vermeiden. Gelingt es mir immer? Mitnichten, meine Geduld ist auch nur endlich, aber das Ganze im Hinterkopf zu haben, hilft ungemein.

Jetzt muss ich nur noch eine Lösungsansatz für die Male finden, in denen er mich durchaus wahrnimmt und trotzdem einfach keinen Bock hat. Denn seien wir ehrlich, er ist halt freu und der Hirnbereich für Eigenwille und Sturheit scheint verdammt nah an der Wirbelsäule zu sitzen und leuchtet bereits seit geraumer Zeit mit 20.000 Watt. Aber einen Vorteil hat es: einer Studie der Tübinger Universität zu Folge sind willensstarke Kinder später erfolgreicher im Job und springen seltener auf den Gruppenzwangzug auf. Nicht die schlechteste Aussicht, wenn ihr mich fragt.

YouTube aktivieren?

Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?