Eigentlich dachte ich ja, wir seien allmählich aus dem Gröbsten raus. Nach zweieinhalb Jahren ist der Nachtschlaf um einiges besser geworden, statt 14 mal ist man nur noch 2-3 mal pro Nacht wach. Mindestens einmal davon nicht, weil das Kind einen weckt, sondern weil bei der eigenen Blase noch nicht angekommen ist, dass Durchschlafen nicht etwa bedeutet, dass das Kind nicht mehr aufwacht, sondern primär, dass die Eltern nicht aufstehen müssen.

Die Kommunikation läuft um einiges besser, statt phrenetischen Geplärrs teilt der Nachwuchs jetzt verbal und sauber artikuliert mit, was wir in seinen Augen alles falsch machen: „nein Mama, nicht so mit dem Bagger, so!“, „bäh, das schmeckt nicht“, „nein, nicht schlafen gehen!“, „nein, nicht arbeiten, spiel jetzt! Aber nicht so!“… und es gibt inzwischen tatsächlich auch mal Tage, an denen ganze 20 Minuten allein gespielt wird. Der Traum einer jeden Mutter!

Ich suhlte mich also fast schon in Glückseligkeit, dass die harten Zeiten vorbei sind, da gingen wir zum Spielplatz und liefen prompt in ein paar lose bekannte Mütter rein.

„Ihr habt doch sicherlich auch demnächst einen Kindergartenplatz, wo geht’s denn hin?“

Ja, haben wir tatsächlich. Wobei „demnächst“ grandios übertrieben wäre, die angepeilte Eingewöhnung erstreckt sich nämlich auf den Zeitraum nach den Sommerferien, aber egal, es ist Land in Sicht.

Nun muss ich dazu sagen, dass dies mein erstes Kind in einem deutschen Kindergarten ist. Ich bin ja nunmal in Luxemburg aufgewachsen und kannte bis dato auch nur luxemburgische Kindergärten. Da lief das in etwa so: mit 4 wirst du eingeschult. In den Kindergarten. Den Kindergarten im Dorf. Das Dorf, in dem du wohnst.

Je nach Größe des Dorfes gibt es 2, 3 oder auch mal 4 Kindergärtnerinnen, die jeweils ihre Gruppe haben, die aus 2 Jahrgängen besteht und das war’s. Es wird gesungen, gebastelt, gespielt und die Kinder am Leben behalten, bis die Eltern sie abholen. Zur gleichen Zeit. Alle. Nämlich dann, wenn der Kindergarten aus ist. Für alle.

Ich gebe zu, keinen Anlass gesehen zu haben, mich näher mit der Thematik auseinanderzusetzen, da mir nicht klar war, dass es diesbezüglich überhaupt eine Thematik gibt! Wie falsch ich doch lag…

Ich antwortete also naiverweise: „ja, ab August in den Kindergarten bei uns in der Straße.“

Mutter 1: „Der ist doch evangelisch?“

„Ja?“

„Bist du nicht katholisch?

„Doch, und?“

„Na, ich weiß ja nicht. Die legen ja schon Wert darauf“

Ich verschwieg, dass wir das mit der Taufe bislang noch auf die lange Bank geschoben haben..

„Also bei der Anmeldung hat es mal niemanden interessiert und er ist halt direkt in unserer Straße.“

Mutter 2: „stört dich denn nicht, dass die so große Gruppen haben? Wir gehen ja in den blablabla Kindergarten, da sind die Gruppen viel kleiner.“

Mutter 3: „nee ich würde das ja nicht wollen, so altersgemischt, da kommen die Kleinen ja immer zu kurz und die Großen werden nicht gefördert!“

Mutter 1: „ihr müsst in die Sternengruppe, die anderen Gruppen sind alle viel zu laut“

Mutter 3: „da hat jetzt doch die XYZ die Gruppe übernommen, als die ZYX noch da war, war das viel besser.“

Mutter 2: „und die Leiterin geht doch auch in Rente, wer weiß, was dann kommt“

Mutter 4: „wir sind ja im Waldorfkindergarten sehr zufrieden“

Mutter 1: „nee Waldorf wär mir nichts, aber in xxx gibt es jetzt einen Bewegungskindergarten, das finde ich super“

Mutter 2: „ist der denn integrativ?“

Mutter 1: „das weiß ich nicht, aber die xxx, die war ja in dem blubblubb Kindergarten…“

Mutter 2: „der katholische??? Der voller Schimmel?“

Mutter 3: „die sanieren jetzt. Der war aber auch schlimm. Der hatte nicht mal Randzeitenbetreuung!!“

An dieser Stelle kaute ich nur noch schweigend auf meiner Brezel rum und schaute den Kindern beim Spielen zu.

Wer hätte es geahnt. Da möchte man einfach nur mal wieder nach 3 Jahren vormittags ohne Begleitung aufs Klo gehen können und dann entpuppt sich das Ganze als Unterfangen einer Komplexität im Stile der Quantenchromodynamik. Da gäbe es also erstmal die Frage nach dem Träger. Kirchlich ja, nein, wenn ja, katholisch oder evangelisch. Oder doch lieber öffentlich, privat oder freie Trägerschaft? Wie viele Stunden? Teilzeit, verlängerter Vormittag oder doch ganztags? Randzeitenbetreuung oder ohne, mit Essen oder ohne, und wenn, ist das Angebot vegetarisch, vegan, laktose-, fruktose, glutenfrei und sonstige Allergien konform?  Mittagsschlaf, ja, nein, vielleicht, nur an geraden Tagen?

Und da wäre ja auch noch die Sache mit der Konzeption. Montessori, integrativ, Waldorf, Wald, bilingual, international, sprachheilkundlich, Reggio, offen, spielzeugfrei, Kneipp, Freinet oder doch ein Bewegungskindergarten? Und was wenn das Konzept nicht zum Wesen des Kindes passt oder dem der Eltern, oder gar noch schlimmer dem Förderbedarf der zweifellos gegebenen Hyperintelligenz nicht entspricht???

Na das ginge ja mal wirklich nicht!

Während sich die diversen Mütter also überschlugen, was nun das beste für mein Kind oder generell für Kinder sei, steckten sich die Hochbegabten, ihre sowie meiner, völlig konzeptionsfrei gegenseitig Sand in den Mund und brieten sich die Schippe über. Und ich? Ich kaute schweigend auf meiner Brezel und dachte mir: dann bleibt der Wein halt Wein statt Blut Christi und der Pfarrer ist ne Frau, Hauptsache jeden Morgen 20 Minuten länger schlafen!

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