Zwei Dreiviertel Jahre ist es nun her, dass mein Schatten nicht mehr alleine durch die Straße läuft. Wo immer er hingeht, begleitet ihn ein deutlich kleinerer. Denn auch nach fast 40 Monaten auf der Kindergartenwarteliste, heißt unser Betreuungskonzept immer noch Mama.

Die Mathematiker unter euch wenden an dieser Stelle zurecht ein, dass zwei Dreiviertel Jahre deutlich weniger als 40 Monate sind, da mir aber nicht bewusst war, dass man bei uns die Kinder schon anmelden muss, bevor man den potenziellen Vater überhaupt erst kennengelernt hat, um einen Kitaplatz zu bekommen, habe ich dies erst im schwangeren Zustand erledigt, so dass wir tatsächlich seit knapp 40 Monaten auf einen Platz warten.

Zeit also für ein kleines Résumé.

Neben Stillen oder nicht Stillen ist die Art der Kinderbetreuung in Mütterkreisen wohl das polarisierenste Thema schlechthin.

Behältst du das Kind zu Haus, bist du die Glucke, die nicht loslassen kann. Gibst du das Kind in die Betreuung, bist du herzlos, karrieregeil und nicht für dein Kind da. Einigen wir uns also an dieser Stelle schon mal darauf: egal wie du es machst, es ist falsch.

Ziemlich frustrierender Ausgangspunkt, gell? Deswegen hab ich die ganze Chose für mich einfach mal ins Gegenteil verkehrt. Wenn eh alles, was man als Mutter macht falsch ist, ist logischerweise im Umkehrschluss alles, was man macht auch richtig!

Nehmen wir das gute alte Beispiel „Kind schläft bei Eltern im Bett oder Kind schläft ab Tag 1 allein im Zimmer“.

Die Verfechter von Co-Sleeping schlagen natürlich bei letzterem die Hände über dem Kopf zusammen und erzählen dir, dass das Kind eine Bindungsstörung bekommt, die Verfechter des anderen Lagers wiederum sind bei ersterem entsetzt und erzählen dir etwas von plötzlichem Kindstod, Erstickung und Zerquetschung. Sprich: wie du es machst, ist es für ein Lager verkehrt. Aber hey, gute Nachricht: im Umkehrschluss ist das, was du tust für das andere Lager jetzt aber genau richtig! Ich persönlich finde diesen Blickwinkel viel angenehmer und deswegen halte ich mich fortan daran: Völlig egal, was du machst, es ist richtig!!

Dein Kind schläft bei dir im Bett? Super, alles richtig gemacht. Dein Kind schläft in seinem Zimmer? Herzlichen Glückwunsch, alles richtig gemacht!

Du gehst arbeiten und das Kind ist fremdbetreut? Yeay, happy you! Du bist zu Hause und du betreust dein Kind selbst? Woohoo, großes Kino!

Unser Nachwuchs ist also jetzt seit fast drei Jahren zu Hause. Mein Fazit: geschadet hat es ihm nicht. Er ist noch keine drei, bildet aber bereits Sätze, bei denen manch durchschnittlicher Saarländer zwei mal hinhören muss, um die Struktur zu verstehen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich komplexe Nebensätze des Saarländers in der Regel auf ein  „unn“ oder „ei jo“ reduzieren.

Er weiß genau, was er will bzw. vielmehr weiß er genau, was er nicht will und teilt das auch unmissverständlich mit. Er hat Freunde, macht bereits unter der Hand Playdates aus „Mama, der XYZ kommt noch mit zum Spielen, seine Mama hat ja gesagt“ und ist, würde ich mal sagen, alles in allem ein durchaus glückliches Kind.

Wäre er das auch, wenn wir früher einen Betreuungsplatz bekommen hätten? Ich behaupte mal ja. Lediglich mein Alltag sähe gänzlich anders aus. Denn ich bin ja jetzt seit fast drei Jahren so etwas wie eine unfreiwillige Stay-at-home-mom. Wobei ich persönlich den Begriff Stay-at-home-mom für ziemlichen Quatsch halte, denn meine Arbeit, zumal die als Selbständige, ist ja die gleiche geblieben, nur mit dem Unterschied, dass ich sie nicht mehr alleine mache, sondern dabei immer noch einen laufenden Meter als Begleitung habe. Arbeitest du außer Haus, ist er mit dabei, arbeitest du im Haus, ist er mit dabei. Gehst du aufs Klo, ist er mit dabei. Er. Ist. Mit. Dabei. Immer. Mit ständig gemütlich mit dem Zwerg zu Hause zu sein und die Zeit in vollen Zügen zu genießen hat das überwiegend herzlich wenig zu tun.Es gibt die Momente der völligen Glückseligkeit, weil du jede neue Fähigkeit, jeden Entwicklungsschritt und jedes noch so kleine Detail unmittelbar miterleben darfst. Und dann gibt es die Momente, in denen du nicht weißt, ob du mit Trinken anfangen, heulen, schreien oder einfach ein Ein-Weg-Ticket nach Bali kaufen sollst.

Zweijährige haben nämlich nicht zwingend Interesse, sich allein zu beschäftigen. Egal wie viel du zu erledigen hast, selbst wenn es zu Hause ist. Und wenn doch, endet es mit Kollateralschäden in einer Dimension, dass du dir wünschst, du hättest Ihnen von vornherein das gegeben, was sie wollten: Aufmerksamkeit. Ungeteilte Aufmerksamkeit!

Wie du dich also drehst oder wendest, du bekommst als Hauptbetreuungsperson von deinen restlichen Verpflichtungen quasi nichts erledigt. Zumindest nicht, ohne 24 mal unterbrochen zu werden und circa 480 mal so lange zu benötigen, als früher..

Das ist anstrengend. Brutal anstrengend. Es fühlt sich an, als würde man konstant mit 14 rohen Eiern jonglieren, aus denen zeitgleich Vierlingsküken schlüpfen.

Die Bude ist ein einziges Wimmelbuch, wichtige Unterlagen haben selbst dann noch Marmeladen- oder Wachsmalstiftflecken, wenn man sie unmittelbar nach Erhalt einlaminiert hat, Spiegel, Fenster und glatte Flächen sehen aus, als wäre jemand hingerichtet worden und hätte dabei verzweifelt versucht, sich an den Flächen hochzuziehen. Nur dass die Spuren nicht aus Blut sondern einem Konglomerat aus Sabber, Schnodder, Schokolade und Eis sind und überall, wirklich überall liegen Legosteine, Autos oder Magnetbuchstaben. Und nichts, ausnahmslos gar nichts kannst du fertig machen, ohne dass am anderen Ende des Raumes ein neues Armageddon auf dich wartet, dich 8907578 schallende Mamaaaaaaaa-Rufe penetrieren oder dir 13,5 km am rechten Arm hängen. Bediene mal eine PC Maus mit zappelnden 13 kg am Handgelenk. Es ist zum verrückt Werden.

Ich habe immer noch die Stimme der Frau auf dem Spielplatz im Ohr „Was hast du denn? Du bist doch viel zu Hause, da hast du doch auch viel Zeit für Haushalt und so“.

Theoretisch schon. Praktisch auch. Wenn der Tag aber so aussieht, dass du circa 17 mal 30 Minuten lang jedes noch so winzige Legoaccessoire aufsammelst und in eine Kiste wirfst, nur damit der Zwerg im Anschluss freudestrahlend „oh jetzt haben wir Platz zum Spielen“ ruft und beidhändig die Kiste mit den Autos, Buntstiften und der Duploeisenbahn aus dem Regal zerrt und verteilt brichst du spätestens nach dem vierten Mal innerlich zusammen und dann sieht es halt aus wie es aussieht. Das Kind ist glücklich und du spielst mit dem Gedanken, die Bude im Anschluss einfach abzufackeln.

Klar ist es schön, viel Zeit zusammen zu verbringen. Nein, schön ist untertrieben. Es ist großartig. Es ist großartig nicht täglich den Wecker auf 6 Uhr stellen zu müssen, weil man spätestens um 7 in der Kita sein muss. Es ist großartig, nicht Familie, Freunde und Himmel und Hölle in Bewegung setzen zu müssen, wenn mal wer krank ist oder die Kita zu hat Es ist großartig, dein Kind so gut zu kennen, dass man Stimmungssumschwünge bemerkt BEVOR sie eskalieren.

An Tagen, wo der Vormittag frei ist, kann ich auch gepflegt selbst bis 9 mit ihm im Bett bleiben, dann erst mal noch gemütlich ein, zwei oder auch 4 Geschichten vorlesen, kuscheln, schmusen und unter der Decke Verstecken spielen. Das ist ein absoluter Luxus und dessen bin ich mir auch vollkommen bewusst. Es bedeutet aber auch: du hast keine Pause. Nie. Es sei denn, du bist gesegnet mit 3 Stunden Mittagsschlaf. Ein Zustand, den ich leider nie erfahren durfte. Und das schlaucht. Dich einfach mal 10 Minuten lang gedanklich gepflegt wegbeamen, einen Kaffee zu schlürfen und auf nichts und niemanden außer dir selber achten zu müssen, das fehlt sehr. Nach inzwischen also fast drei Jahren 24/7 Dauerbetreuung bin ich überaus dankbar für die vielen tollen Momente, für eine Bindung, die enger wohl nicht sein könnte, für ein Kind, das gesund, munter und bestens entwickelt ist, ich bin aber allmählich auch an dem Punkt, mir selbst einen Betreuungsplatz zu wünschen.

Wenn die Tage nämlich damit anfangen, dass es in Strömen regnet, im Wohnzimmer 2867 mal ein blauer Bagger eingefordert wird, du aber ganz genau weißt, dass der komplette Haushalt keinen einzigen blauen Bagger besitzt, und alle weiteren blauen Fahrzeuge des unermesslichen Fuhrparks mit einem schallenden „neiiiiiiiiiiiiin der blaue Baaaaaaaggggggger“ abgetan werden und nichts, rein gar nichts außer dem nicht existenten blauen Bagger die Lage entschärfen kann, wünschst du dir spätestens zum Mittagessen eine Delphintherapie. Bali, ich sag’s ja, Bali!

So schön die gemeinsame Zeit bisher also auch war, so sehr ich glaube, dass es für uns der richtige Weg war, ich mache drei Kreuze, wenn ab Sommer zumindest stundenweise wer anders den blauen Bagger sucht. Wie ich allerdings mit der neu gewonnenen Einsamkeit auf dem Klo zurecht kommen werde, bleibt abzuwarten.

Der blaue Bagger war im übrigen grün und hatte lediglich einen blauen Schriftzug an der Seite. Er stand vier Straßen weiter auf einen Baustelle.

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